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Gespräch N° 48 | Kultur

Thomas Brezina

„Wir können nicht einer Zeit nachjammern, in der das alles anders war“

Die Geschichten von Thomas Brezina begeistern seit mehr als 20 Jahren Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt. Dabei war der 54-jährige zu Schulzeiten schlecht in Deutsch, wie er im Gespräch verrät. Mit Nguyễn Tiến Thành diskutiert der "Mister-Gute-Laune" über Erwachsenenfrustration, Buddhismus, ausgestorbene Zinnsoldaten und Kulturpessimismus.
Das Gespräch führte Nguyễn Tiến Thành und erschien am 22.02.2018, fotografiert hat Benjamin Thomes.

Nguyễn Tiến Thành
Du bist ja sozusagen das Aushängeschild der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur. Wenn man sich Untersuchungen in den letzten Jahren anschaut: Zum Beispiel 2011 ist Österreich bei der Progress in International Reading Literacy Study auf dem 25. von 45 Plätzen gelandet; 70 Prozent der Zehnjährigen können laut Bildungsstandardtest aus dem Jahr 2015 nicht wirklich schreiben, gar 38 Prozent haben Schwierigkeiten beim Lesen. Stimmt das einen als Kinder- und Jugendbuchautor nicht traurig?
Thomas Brezina
Ich bin da ein ganz pragmatischer Mensch, der sich eine ganz andere Frage stellt: Was muss geschehen, damit Lese- und Schreibfertigkeit einfach besser werden? Das ist die ganz große Frage heute. Kinder sind extrem unterschiedlich, extrem individuell. Das heißt, heute sind Lehrerinnen und Lehrer mehr gefordert als je zuvor, die verschiedenen Arten, wie Kinder lernen, anzusprechen. Und das kann nur unser größtes Interesse sein, dass sie Spaß haben, etwas zu schreiben, sich auszudrücken, und Freunde haben, es zu lesen. Wann liest man gerne? In dem Moment, an dem man es kann, sonst haben Bücher keine Chance.
Nguyễn Tiến Thành
Im Angesicht der sich im Vergleich zu früher veränderten Unterhaltungsformen: So verbrachten  Österreicher ab zehn Jahren laut „Statistik Austria“ 2010 durchschnittlich nur fünf Minuten pro Tag mit dem Lesen, während pro Kopf zwei Stunden täglich ferngeschaut wurde.
Thomas Brezina
Ja, aber das ist einfach die Zeit. Wir leben im Jahr 2018. Wir können nicht einer Zeit nachjammern, in der das alles anders war. Als ich meine 90-jährige Tante einmal mit ähnlichen Dingen konfrontiert habe und ihr gesagt habe, ich wüsste überhaupt nicht, ob irgendjemand überhaupt meine Bücher lesen werde, hat sie schallend zu lachen begonnen und gesagt: „Und zu mir haben sie als Kind immer gesagt, Mizzi lies nicht so viel, davon verdirbt man sich nur die Augen.“ Wir leben im Jahr 2018. So ist es. Ja, dann müssen wir Bücher schreiben, die die Leute gerne lesen. Und das versuche ich.
Nguyễn Tiến Thành
Deine Unterhaltungsformate, die Sendungen, die du gemacht hast, die Bücher, die du geschrieben hast, sind ja irrsinnig interaktiv. Bei „Tom Turbo“ gab es am Ende jeder Folge ein Rätsel …
Thomas Brezina
… das Codewort.
Thomas Brezina

© Benjamin Thomes

Nguyễn Tiến Thành
Genau, das Codewort, mit dem man dann auch etwas gewinnen konnte. In den Büchern gab es am Ende der Kapitel immer Verständnisfragen, die den Kindern geholfen haben, zu schauen, ob sie das Gelesene wirklich sinnerfassend verstanden haben. Beim „Tiger-Team“ (Buchreihe „Ein Fall für dich und das Tiger-Team“; Anm.) – was mir sehr gefallen hat – gab es dieses Gerät …
Thomas Brezina
… den Decoder.
Nguyễn Tiến Thành
Genau, das war echt cool. (mit recht freudiger Stimme in sentimentaler Erinnerung an frühere Tage) Wie bist du auf so etwas gekommen? Kommen einem solche Einfälle intuitiv oder hast du dich da umgehört?
Thomas Brezina
Ich habe als Kind wahnsinnig gerne Ratekrimis gelesen. Ich habe das geliebt. Und daher kommt meine Liebe zu Krimis, die man selber lösen muss. Aber vor allem war mir immer ein ganz großes Anliegen, Bücher zum Leben zu erwecken, sodass sie nicht nur „Geschichten“ sind, sondern dass die Leser auch involviert werden, ausprobieren wollen, selber etwas tun können. Gerade beim „Tiger-Team“ war die Idee ein Detektivbüro in Buchform zu machen. Darum sind da Dinge drin, die man zusammenbauen kann; eine Sammelkarte, mit der man etwas suchen kann, und so weiter. Das Ganze muss leben! Das ist meine Idee. Und dann suche ich ständig nach Dingen, mit denen man das bewerkstelligen könnte. Und das macht mir Spaß. Dass das dann vielen anderen auch Spaß macht, ist schön.
Nguyễn Tiến Thành
Würdest du meinen, dass in den Schulen Österreichs, oder generell in den Schulen, Kreativität fehlt; dass im Unterricht, insbesondere im Deutschunterricht, die Begeisterung für Kreativität, kreatives Schreiben ausbaufähig ist?
Thomas Brezina
Ich würde das nie generalisieren. Das hängt sehr von den Leuten ab, die unterrichten. Und da gibt es einige, die sehr auf Kreativität setzen. Ich kenne Lehrerinnen und Lehrer, die zum Beispiel beurteilen, wie eine Geschichte geschrieben ist und bewerten dann in einer zweiten Note die Rechtschreibung. Das finde ich sehr angenehm, weil ich immer sehr schlechte Noten in Deutsch gehabt habe, weil ich so viele Rechtschreibfehler gemacht habe. Aber ich habe immer schon gerne geschrieben.
Nguyễn Tiến Thành
(überrascht) Wirklich? Das glaube ich nicht.
Thomas Brezina
Deutsch und Sport waren meine zwei schwachen Fächer.  In allen anderen war ich sehr, sehr gut. Mich hat das immer aufgeregt. Es war immer nur eine Jagd nach Beistrich- und Rechtschreibfehlern.
Wann liest man gerne? In dem Moment, an dem man es kann, sonst haben Bücher keine Chance.Thomas Brezina über die Lust am Lesen
Nguyễn Tiến Thành
Du hattest Probleme mit dem Formalen, aber weniger mit dem Kreativen?
Thomas Brezina
Ja.
Nguyễn Tiến Thành
Das kann ich nachvollziehen. (in einem einfühlsamen Sinne; Anm.)
Thomas Brezina
Es geht einfach darum, zu sagen, dass der Ausdruck, die Geschichte wahnsinnig wichtig sind, dass diese gefördert werden, dass man Kindern dazu Mut macht. Aber das hängt von der Persönlichkeit ab, die unterrichtet.
Nguyễn Tiến Thành
Hattest du Probleme in der Schule? Hattest du das Gefühl in der Schule in irgendeinem Bestreben, in irgendeinem Verlangen, dich zu äußern, dich zu öffnen, dich als den Menschen zu präsentieren, der du bist, unterdrückt zu werden? Hattest du das Gefühl, dass die Schule ein Korsett war, das dir da einen Riegel vorgeschoben hat?
Thomas Brezina
Naja, es war so, dass die Dinge, für die ich mich interessiert habe – für Puppentheater, für Kindergeschichten –, in der Schule belächelt worden sind. Als ich mit 16 Jahren den Großen Österreichischen Jugendpreis mit fünf Fernsehdrehbüchern für eine Kinderserie gewonnen habe, ist das nicht ernstgenommen worden. Und das war nicht lustig, überhaupt nicht. Aber ja, ich habe es Gott sei Dank überlebt, ich bin meinen Weg gegangen, und das war das Wichtigste.
Nguyễn Tiến Thành
Und hast du in dir schon immer die Begabung gespürt, Kinder zu begeistern, Kinder fürs Lesen, fürs kreative Schreiben, zu begeistern, Kindern großartige Welten zu geben, von denen sie – zumindest kann ich da von mir selbst reden – gerne selbst ein Teil wären?
Thomas Brezina
Ich denke nicht über solche Sachen nach. Ich tue es ganz einfach. Mein ganzes Leben besteht darin, dass ich etwas tue und mache. Und das ist das Wichtige daran, mit dem ich so viel erreichen konnte. Dass ich damit offensichtlich den Nerv vieler treffen konnte, freut mich wahnsinnig. Aber weißt du, ich analysiere das nicht. Ich mache es. Und es muss mir Spaß machen. Denn wenn es mir nicht Spaß macht, warum sollte es irgendjemandem Spaß machen, sich das anzuschauen oder anzuhören?
Nguyễn Tiến Thành
Du hast also dein Hobby, das, zu dem du berufen bist, zu der Berufung gemacht, mit dem du dein täglich Brot verdienst.
Thomas Brezina
Ja, es ist dazu geworden – nennen wir es mal so.
Nguyễn Tiến Thành
Sprich: Es hat sich so ergeben. Als du klein warst, wolltest du das also nicht zwingend werden und hast auch nicht daran gedacht?
Thomas Brezina
Nein, überhaupt nicht. Ich wollte Tierarzt werden. Ich habe das auch ein Semester studiert und bin draufgekommen, dass das völlig falsch ist. Ich kann kein Blut sehen und könnte nie ein Tier operieren. Das bin alles nicht ich. Aber ich habe mir immer gerne Geschichten ausgedacht und habe halt im Leben ein Glück gehabt, dass Menschen auf mich zugegangen sind, und mir die Chance gegeben haben, etwas zu machen. Und ich habe immer den Mut gehabt, „Ja“ zu sagen, es zu tun, es zu probieren, und es so gut wie möglich zu tun. Und das war sehr herausfordernd. Aber daraus hat sich alles entwickelt.
Thomas Brezina

© Benjamin Thomes

Nguyễn Tiến Thành
Du bist im Ausland oftmals erheblich erfolgreicher als in Österreich gewesen. Das „Tiger-Team“ (irrtümlich wurde an dieser Stelle ursprünglich „Tom Turbo“ genannt; Anm.) ist zum Beispiel in China sehr erfolgreich, was ich gehört habe. Warum hast du dir den schwierigen Weg in Österreich angetan, Pionierarbeit in der Kinder- und Jugendunterhaltung zu leisten?
Thomas Brezina
Ich habe mir nicht Schwieriges angetan. Ich habe einfach das gemacht, was ich machen wollte. Und ich hatte das unglaubliche Glück, damit unglaublichen Erfolg in Österreich zu haben. Ich muss ganz ehrlich sagen: Was mir gelungen ist, ist nicht so vielen davor gelungen. Aber wie gesagt: Ich habe das nicht angestrebt. Erfolg erfolgt, wenn du etwas sehr gerne – mit Leidenschaft – tust, und dann braucht es auch noch den richtigen Moment und den richtigen Ort dazu. Und das ist passiert. Und das ist sehr schön. Dass das jetzt über sehr viele Jahre geht, ist grandios. Meine Geschichten sind als Lizenzen in viele verschiedene Länder verkauft worden. „Alle meine Monster“ ist in Spanien ein Riesenerfolg. Die „Knickerbocker-Bande“ ist zum Beispiel in der Türkei ein großer Erfolg. In Tschechien gibt es zum Beispiel unglaublich viele meiner Buchserien. In China ist es „Ein Fall für dich und das Tiger-Team“, das dort alle Rekorde gebrochen hat. Ich bin in China einer der meistübersetzten Autoren – also nicht nur als Kinderbuchautor, sondern überhaupt. Das ist einfach unglaublich. Das freut mich. In Südamerika werden meine Geschichten gelesen. Das ist schön. Aber verstehst du, ich bin ein Geschichtenerzähler. Ich erzähle meine Geschichten. Dass sie dann solchen Erfolg finden, freut mich.
Nguyễn Tiến Thành
Glaubst du, dass die Menschen, vor allem Kinder, heutzutage immer anspruchsvoller werden – wenn man sich ansieht, was Kinder sich mittlerweile zu Weihnachten oder zum Geburtstag wünschen? Früher war es ein Zinnsoldat, heute eine PS4.
Thomas Brezina
Hast du dir einen Zinnsoldaten jemals gewünscht?
Nguyễn Tiến Thành
Ich nicht.
Thomas Brezina
Na bitte!
Nguyễn Tiến Thành
So alt bin ich aber auch nicht.
Thomas Brezina
Bitte, Entschuldigung, mein Großvater hat sich keinen Zinnsoldaten mehr gewünscht. Das will was heißen! Der wäre mittlerweile über 100 Jahre alt. Geh bitte, nein, weißt du, das ist so ein Kulturpessimismus. Nein, die Kinder waren immer anspruchsvoll. Gott sei Dank! Und heute kommen sie an viele Geschichten natürlich viel früher ran. Da musst du dich im Geschichtenerzählen anpassen. Das ist doch eigentlich auch schön, dass man sie früher schon etwas stärker fördern kann. Ich sehe das auch als einen großen Vorteil.
Aber weißt du, ich analysiere das nicht. Ich mache es. Und es muss mir Spaß machen. Denn wenn es mir nicht Spaß macht, warum sollte es irgendjemandem Spaß machen, sich das anzuschauen oder anzuhören?Thomas Brezina über den Faktor „Spaß“
Nguyễn Tiến Thành
Glaubst du, dass du mit der Zeit wächst, dass die Zeit dein Wirken, dein Schreiben, so wie du schreibst, wie du dich gibst, der, der du bist, sehr beeinflusst hat und auch noch immer beeinflusst?
Thomas Brezina
In welcher Form?
Nguyễn Tiến Thành
Man sagt ja, dass mit der Zeit Menschen gestandener werden würden, dass der Idealismus ein bisschen zurückgehe, dass man realistischer werde, dass man nicht mehr so große Bestrebungen, nicht mehr so große Hoffnungen in die Welt habe.
Thomas Brezina
Das ist Erwachsenenfrustration, von der ich mich sehr fern halten würde. Nein, davon lasse ich mich ganz sicher nicht erfassen. Das Schöne am Älterwerden ist, dass du gelassener wirst, dass du nicht mehr alles so dramatisch nimmst, weil du einfach weißt, es geht vorbei und es wird wieder besser. Das ist ein ganz großer Vorteil. Es gibt Dinge, die mir heute nicht mehr so wesentlich sind, die mir früher ganz wichtig waren, während andere Dinge mir viel wichtiger geworden sind. Prinzipiell ist es mir wichtig, mich weiterzuentwickeln. Ich will nur nicht stillstehen. Ich will immer etwas Neues machen.
Nguyễn Tiến Thành
Mit der Zeit zu gehen: Dein Instagram-Account wirkt auf mich so, als wäre er ein Perpetuum Mobile der guten Laune. Du wirkst niemals traurig in der Öffentlichkeit. Natürlich glaube ich schon, dass du in deinen privaten Momentan hin und wieder auch Traurigkeit verspürst, wer nicht, aber ist das für dich mehr ein Anspruch, zu versuchen, vor allem in Österreich, dem „Land der Suderer“ sozusagen, einen Ausgleich zur Verbitterung, Traurigkeit zu schaffen, indem du den Leuten wieder Freude mitgibst, mit deinen Postings, mit deinen Fotos, mit deinen Storys?
Thomas Brezina
Ja, aber das war auch mein Anspruch prinzipiell. Ich habe jetzt vor einem Jahr begonnen mehr auf „Facebook“ und „Instagram“ zu machen. Mein Anspruch war, dass ich mich entschlossen hatte, diesem Zynismus, der da herrscht, etwas entgegenzusetzen. Ich kann gegen den Herrn Trump mit seinen idiotischen Tweets, die er da ununterbrochen von sich gibt, nichts machen. Aber ich kann selbst etwas machen. Und da habe ich mir gedacht: Das probiere ich aus. Hochinteressant ist, dass das vielen gefallen hat, dass es viele erfreut. Und für mich ist es, an einem Tag zu überlegen, selbst wenn es mir nicht so gut geht, was eigentlich lustig wäre zu berichten, was eigentlich sehr schön wäre zu berichten. Ich finde das ja eher sehr heilsam für mich.
Nguyễn Tiến Thành
Ich habe in einem Interview mit dir gelesen, dass du versuchen sollst, dem buddhistischen Glauben zu folgen. Beeinflusst das das? Immerhin lehrt der Buddhismus ja den Mittelweg, auf dem man den Ausgleich sucht.
Thomas Brezina
Selbstverständlich. In der buddhistischen Lehre geht es ganz stark darum, im Hier und Jetzt zu leben, dankbar zu sein, das Positive in einer Situation zu sehen, auszugleichen, nicht zu hoch, nicht zu tief runterzugehen. Das sind alles Dinge, die wohltuend sind. Aber ich mag nicht darüber reden, weil ich kein buddhistischer Lehrer bin – weit davon entfernt. Ich bin jemand, der sich ein bisschen damit auseinandergesetzt hat. Dennoch spüre ich den positiven Effekt – und das wirkt sich auf meine Arbeit und in das, was ich erzähle, aus.

© Benjamin Thomes

Nguyễn Tiến Thành
Es ist eine Lebensphilosophie sozusagen.
Thomas Brezina
Ja.
Nguyễn Tiến Thành
Ich glaube auch, dass der Buddhismus mehr eine Lebensphilosophie ist als eine Religion.
Thomas Brezina
Es ist keine Religion, es ist eine Philosophie.
Nguyễn Tiến Thành
Da stimme ich dir zu. Blendest du eigentlich Negatives in der Welt aus? Lässt du das Negative, das Schlechte in der Welt auf dich einwirken, oder ignorierst du es? Stellst du es beiseite? Denkst du, dass es nicht wert sei – so nach dem Motto: Warum mich großartig darum sorgen, plagen?
Thomas Brezina
Wenn ich es nicht ändern kann, will ich damit auch ganz ehrlich möglichst wenig zu tun haben. Wozu soll ich mir all dieses Unglück der Welt um den Hals hängen, wenn ich nichts tun kann? Mein Anspruch ist immer, etwas zu tun, und da ist es mir dann viel lieber, mir Bereiche zu suchen, in denen ich etwas in die Welt setzen kann, das so ist, wie ich mir das vorstelle.
Nguyễn Tiến Thành
Welchen Stellenwert hat das Schreiben dann für dich? Ist es ein Ventil?
Thomas Brezina
Nein, das ist eine Ausdrucksform. Instagram ist nichts anderes als Geschichtenerzählen – in den einzelnen Bildern oder Storys. Es ist das Gleiche, auf eine andere Art und Weise. Mein ganzes Leben besteht darin, Geschichten zu erzählen.
Nguyễn Tiến Thành
Und wie stark schwingt deine eigene Persönlichkeit, deine eigene Lebensgeschichte in deinen Geschichten mit?
Thomas Brezina
Ganz stark, vor allem jetzt habe ich vieles in meinem Leben gelernt und vieles davon gebe ich weite.
Nguyễn Tiến Thành
Damals habe ich mich in der Volksschule – eben durch deine Geschichten inspiriert – am Schreiben beziehungsweise am Konstruieren von Welten versucht – mit mäßigem Erfolg, muss ich gestehen. Dabei habe ich auch gewisse eigene Sehnsüchte, eigene Fantasien miteinfließen lassen. Ist das bei dir auch so?
Thomas Brezina
Natürlich. Alles.
Nguyễn Tiến Thành
Versuchst du mit deinen Romanen auch, Kindern einen Rückzugsort zu geben?
Thomas Brezina
Ferien vom Alltag. Das ist das, was ich immer machen wollte – Ferien vom Alltag.
Nguyễn Tiến Thành
Das heißt, das ist dein Anspruch?
Thomas Brezina
Das ist einer meiner Ansprüche.
Nein, die Kinder waren immer anspruchsvoll. Gott sei Dank!Thomas Brezina über die Ansprüche von Kindern
Nguyễn Tiến Thành
In der Vorbereitung habe ich mich auf deiner Webseite umgesehen und die Q&A-Sektion gefunden, in der du zum Beispiel Tipps gibst, wie Kinder schreiben könnten, wie sie sich Geschichten und Welten ausdenken könnten. Und du bist auch recht nüchtern, indem du sagst, dass nicht jeder Erfolg haben werde, dass nur die wenigsten erfolgreich werden würden. Wie ehrlich darf man zu Kindern sein?
Thomas Brezina
Ich würde Kinder immer ermutigen, etwas zu tun. Dazu muss ich etwas sagen – die Frage wird mir nämlich oft gestellt: Ich schreibe etwas und es macht mir so viel Freude, dann kommt oft, dass das doch unbedingt ein Buch werden müsse. Nein, die wenigstens Geschichten werden zu einem Buch. Und jetzt ist es noch viel schwieriger geworden als je zuvor. Wozu soll ich denn jemandem sagen, dass das ganz sicher ein Erfolg werde, um dann vielleicht später eine Zuschrift zu kriegen, von Leuten, die frustriert sind, weil es von allen Verlagen abgelehnt oder gar nicht beachtet worden sei? Das will ich nicht. Und deswegen bin ich da lieber ehrlich und sage – und darum geht es auch gar nicht: Es muss doch kein Kind ein Buch schreiben. Es soll Spaß haben, eine Geschichte zu schreiben!
Nguyễn Tiến Thành
Glaubst du, dass du Kinder mit deinem Tun, mit deinem Wirken beeinflusst, dass du ihnen ein Vorbild bist? Also ich kann zumindest von mir behaupten, dass du eines für mich warst oder auch noch bist.
Thomas Brezina
Ja, ich hoffe, dass ich das bin. Ich versuche, es zumindest zu sein. Also ich versuche es, in der Form zu sein, dass ich sage: Ich richte mein Leben so aus, dass ich absolut dazustehen kann. Ob ich jetzt ein Vorbild für andere bin, müssen andere entscheiden.
Nguyễn Tiến Thành
Würde es dich mit Stolz erfüllen, wenn man dir sagte, dass du ein Vorbild bist?
Thomas Brezina
Es würde mich freuen.
Nguyễn Tiến Thành
Wie stellst du sicher, dass deine Geschichten kinder- und jugendgerecht sind? Ich habe auch gelesen, dass du gesagt hast, dass man Kindern nicht alles vorsetzen könne, dass man Dinge gewissermaßen geschickt verpacken müsse. Du schreibst ja mittlerweile auch Jugendliteratur, zwar nicht so viel wie Kinderliteratur, aber dennoch. Versuchst du dich da an deiner eigenen Kindheit, an deiner eigenen Jugend zu orientieren? Erhebst du statistische Daten mit Umfragen? Oder ist es ein Mix aus allem?
Thomas Brezina
Rein aus dem Gespür heraus. Das hängt sicher zum Teil damit zusammen, wie ich als Kind war und gedacht habe. Und es hängt ganz massiv damit zusammen, dass ich mir beim Schreiben Kinder vorstelle. Ich stelle mir vor: Wenn ich Kindern das so erzählen würde, ob sie mir zuhören würden, ja oder nein. Ich mache das alles aus dem Gespür heraus – nur nicht zu viel Denken.
Nguyễn Tiến Thành
Was ist dann die Quelle deiner Kreativität?
Thomas Brezina
Das Leben. Umschauen, alles, was es da gibt, alles, was da kommt. Überall stecken irgendwelche Ideen drinnen, ständig kann irgendwo eine Geschichte auftauchen.
Nguyễn Tiến Thành
Hast du nicht irgendwann Angst, dass deine Kreativität nachlässt? Dass man irgendwann seinen Elan verliert?
Thomas Brezina
Was weiß ich, was in zehn Jahren ist. Ich kann jetzt aus dem Haus gehen und mir kann ein Ziegelstein auf den Kopf fallen und ich kann tot sein. Soll ich mir darüber den Kopf zerbrechen? Nein. Jetzt schreibe ich, jetzt mache ich.
Nguyễn Tiến Thành
Bist du ein Perfektionist? Ich habe in einem „Zeit“-Artikel gelesen, dass ehemalige Mitarbeiter von dir erzählten, dass du nicht selten Entwürfe für Kindersendungen zurückgeschmissen hättest, weil sie nicht den Standard erfüllt hatten, den du gesetzt hast.
Thomas Brezina

© Benjamin Thomes

Thomas Brezina
Ja, ich glaube, das ist eine Verantwortung, die man hat. Das ist die Verantwortung, die du an Qualität hast. Und ich habe einen sehr hohen Qualitätsanspruch.
Nguyễn Tiến Thành
Das heißt, du bist ein Perfektionist?
Thomas Brezina
Nein, Qualität und Perfektion sind unterschiedliche Dinge. Qualität kannst du definieren, Perfektion kannst du nicht definieren. Bei Perfektion wirst du immer frustriert sein, während es bei Qualität heißt, dass man einen Standard erreichen will, und den kannst du sehr klar ausdrücken. Ja, und das tue ich. Und wer mit mir zusammenarbeiten möchte, der muss diese Qualitätsansprüche, die ich habe, aus einer Verantwortung gegenüber meinem Publikum, also Kindern, heraus, erfüllen.
Nguyễn Tiến Thành
Belässt du Entwürfe und Rohfassungen für deine Romane, deine Geschichten grundsätzlich so wie sie sind, oder bearbeitest du sie noch großartig?
Thomas Brezina
Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt gewisse Bücher, die ich acht-, neun-, zehnmal überarbeitet habe. Es gibt andere, die vielleicht ein oder zwei Durchgänge erlebt haben. Das ist ganz unterschiedlich.
Nguyễn Tiến Thành
Gibt es etwas in deinem Leben, das du noch gerne erreichen würdest, das du bisher nicht geschafft hast?
Thomas Brezina
Jede Menge. Da gibt es noch so viele Dinge, die ich machen möchte. Und ich werde sie noch machen. Aber darüber möchte ich nicht reden.
Nguyễn Tiến Thành
Verständlich, du bist ja ein Mensch in der Öffentlichkeit, aber was ich auch sehr respektiere, dass du dein Privatleben von deinem öffentlichen Leben komplett separierst – was ich total bewundere und auch verstehe; man sollte dich in diesem Belang zum Vorbild nehmen. Aber gibt es Momente in deinem Leben, in denen du regelrechten Groll oder Hass auf die Welt empfindest?
Thomas Brezina
Nein. Hass auf die Welt habe ich nie. Groll natürlich, wenn man Dinge eigentlich gern ganz anders hätte, wenn sie doch anders sein sollten, als sie sind. Ich glaube, das hat jeder Mensch. Das habe ich genauso. Aber Hass ist etwas, das ich nicht habe.
Das Schöne am Älterwerden ist, dass du gelassener wirst, dass du nicht mehr alles so dramatisch nimmst, weil du einfach weißt, es geht vorbei und es wird wieder besser.Thomas Brezina über seine Lebenseinstellung
Nguyễn Tiến Thành
Hast du Vorbilder? Gibt es irgendjemanden, der dich inspiriert hat – so wie du mich mitunter inspiriert hast, Dinge zu tun, die Begeisterung für das Lesen zu entwickeln? Da muss ich ganz ehrlich sagen, dass du da ein Hauptfaktor für mich warst. Dafür danke ich dir übrigens.
Thomas Brezina
Danke, das freut mich.
Nguyễn Tiến Thành
Hast du Lieblingsautoren gehabt?
Thomas Brezina
Natürlich, viele. Astrid Lindgren war für mich sowohl als Kind, das gelesen hat, als auch später immer ein Vorbild mit ihrer tiefen Menschenliebe und dem großen Respekt für Kinder. Charles Dickens ist für mich einer der größten Geschichtenerzähler, den die Welt je gesehen hat – auch wie er an die Geschichten herangegangen ist. Bei uns weiß kaum jemand, dass die meisten seiner Geschichten als Fortsetzungen in einem Hausfrauenmagazin erschienen sind. Und er hat immer sehr auf die Leser reagiert. Das sind für mich Vorbilder. Mein eigener Vater ist für mich ein Vorbild. Er war Arzt und ein sehr, sehr erfolgreicher und sehr glücklicher Arzt.
Nguyễn Tiến Thành
Deine Mutter war doch Pädagogin?
Thomas Brezina
Meine Mutter war Musikpädagogin, hat aber, seitdem ich geboren wurde, meinen Vater gemanagt, betreut, sodass er auch seine ganze wissenschaftliche Arbeit machen konnte. Und er hat auch ganz viel geforscht. Die waren ein ganz tolles Team gemeinsam.
Nguyễn Tiến Thành
Dann noch zu guter Letzt will ich dich fragen: Siehst du dich mehr als Erwachsenen oder Kind?
Thomas Brezina
Ich sehe mich absolut als Erwachsenen – zu 100 Prozent. Aber ich habe mir die Spielfreude, die Neugierde, die viele Erwachsene verlieren, und den Spaß an vielen Dingen aus meiner Kindheit bewahrt. Das kann jeder. Das kann nicht nur ich. Und das habe ich und darauf achte ich auch sehr. Aber sonst in vielen Dingen, die ich mache, und die ich entscheiden muss, bin ich ein absolut erwachsener Mensch.