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Gespräch N° 25 | Kultur

Nina Proll

„Man weiß überhaupt nicht mehr, wo man hingehört”

Nina Proll wohnt in Tirol, fühlt sich aber nur in Wien so richtig zuhause. Sie merkt es, wenn Politiker schauspielern. Ihren „Selbstdarstellungsdrang“ leugnet sie nicht. Warum es so schwierig ist, eine gespielte Rolle wieder loszulassen und warum Christian Kern und Sebastian Kurz für sie authentische Politiker sind, verrät die Starschauspielerin im Gespräch mit Muamer Becirovic.
Lesezeit: 7 Minuten
Das Gespräch führte Muamer Becirovic und erschien am 30.10.2016, fotografiert hat Julius Hirtzberger.
Muamer Becirovic
Wie erklären Sie sich persönlich den großen Erfolg der „Vorstadtweiber“(Fernsehserie, ORF; Anm.)?
Nina Proll
Ich glaube, dass das ganz banale Gründe hat – mitunter auch, weil die Serie sehr viel Sex und schöne Frauen in einen lustigen Rahmen verpackt. Für den Erfolg ist wichtig, dass man die richtigen Zutaten miteinander vermengt. Außerdem glaube ich, dass die Serie irgendeinen Nerv der Wiener Gesellschaft trifft, in der sich die Leute doch irgendwie wiedererkennen. Eine Art Lebensgefühl. Doch die große, breite Masse wird natürlich vor allem durch den vielen Sex in der Serie angesprochen.
Muamer Becirovic
Ich habe mir unlängst einige Szenen angesehen, wobei ich gestehen muss, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, mir die gesamte Serie anzuschauen. Aber eines fällt mir auf – und da bin ich ganz ehrlich: Die Serie äußert schon sehr deutliche Kritik – nämlich Kritik an der wohlhabenden Gesellschaft.
Nina Proll
Naja, die Serie bewertet ja nicht, insofern weiß ich nicht, ob sie Kritik in dem Sinne darstellt. Probleme, die die „Vorstadtweiber“ haben, haben die nicht so wohlhabenden Menschen ja genauso, wie Eheprobleme, Lügen, Betrügen. All diese Dinge sind ja nicht nur der „besseren“ Gesellschaft vorbehalten, sondern finden sich ja auch in der Landbevölkerung oder bei Arbeitern und Angestellten wieder.

 

© Julius Hirtzberger

© Julius Hirtzberger

Muamer Becirovic
Bei der Szenendurchschau waren Prosecco, Champagner und Designerkleidung stets präsent …
Nina Proll
Vielleicht schaut man deswegen auch gerne zu. Man schaut lieber „schönen“, „reichen“ Menschen als „schiachen“, „bladen“ beim Scheitern zu. Nichtsdestotrotz ist es für die Serie auch wichtig, dass sie entsprechend verkauft wird – irgendwie muss man das Ganze ja schmackhafter machen. Was glauben Sie denn, warum die „Vorstadtweiber“ so erfolgreich sind?
Muamer Becirovic
Das was Sie vorhin selbst erwähnt haben, aber ja, eigentlich schwierig. Wobei: Ich denke mir auch, dass man beim Betrachten der Serie denkt, dass man die Probleme des wohlhabenden Bürgertums präsentiert bekommt. Dann spielt man mit dem Gedanken, ob es nicht schön wäre, einmal dieses Ausmaß an Luxus genießen zu können. Aber genug dazu. Wie leicht oder schwer ist es für Sie, in eine Rolle zu schlüpfen? Gelingt Ihnen das mit einem Fingerschnipsen und „Zack“ Sie sind jemand komplett anderes.
Vielleicht schaut man deswegen auch gerne zu. Man schaut lieber „schönen“, „reichen“ Menschen als „schiachen“, „bladen“ beim Scheitern zu.Nina Proll über die Vorstadtweiber
Nina Proll
Normalerweise genügt es eigentlich, dass ich etwas lese und dann entscheide, ob ich etwas daraus machen kann oder nicht, ob ich die Rolle spiele oder nicht. Manchmal habe ich schon konkrete Fragen zu einer Rolle. Wenn ich etwas an ihr nicht verstehe, dann muss ich diese Fragen für mich irgendwie selbst beantworten. Meistens genügt jedoch, dass ich das Kostüm anziehe und mich in der Maske schminken lasse. Ab dem Zeitpunkt bin ich in der Rolle und tue ab dann so, als wäre ich diese Person. Es ist so, als ob ich für eine kurze Zeit in ein fremdes Leben einsteige. Nach getaner Arbeit schlüpfe ich wieder heraus und bin wieder ich selbst. Besser kann ich es leider nicht beschreiben.
Muamer Becirovic
Gibt es auch Rollen, mit denen Sie sich am meisten identifizieren konnten?
Nina Proll
Das ist sicherlich mein eigenes Drehbuch gewesen. Ich habe jetzt im Sommer mein eigenes Drehbuch mit Sabine Derflinger zusammen verfilmt („Komplett von der Rolle“, 2016; Anm.). Dafür habe ich eine Rolle geschrieben, die genau auf mich zugeschnitten ist. Ich muss gestehen, dass das meine bisher schwierigste Rolle war. Damals fiel mir sogar die Unterscheidung zwischen Figur und meiner Selbst derart schwer, dass es nicht leicht war, wieder aus ihr auszusteigen. Normalerweise klappt das ja sehr, sehr gut. Aber je mehr man sich mit einer Rolle identifiziert, desto schwieriger wird es, sie wieder loszulassen.
Muamer Becirovic
Ich habe mir einige Interviews mit Ihnen durchgelesen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Sie schon eher nach dem Singen als nach der Schauspielerei trachten.
Nina Proll
Ja, weil der Film für mich immer eine Art Selbstläufer war. Ich habe das Gefühl gehabt, dass ich für meine gesanglichen Projekte viel mehr dahinter sein muss.

 

© Julius Hirtzberger

© Julius Hirtzberger

Muamer Becirovic
Sind Sie demnach eine Schauspielerin, eine Sängerin oder ein All-in-One-Paket?
Nina Proll
Ich würde mich einfach als Künstlerin bezeichnen. Unlängst habe ich mit dem Schreiben begonnen und versuche mich dabei halt „künstlerisch“ auszudrücken – sowohl schauspielerisch als auch gesanglich. Und Gott sei Dank ist mir das auch bei meinem Drehbuch ganz gut gelungen. Es geht schlichtweg darum, sich auszudrücken und das was mich interessiert und beschäftigt auf der Bühne zu präsentieren – in der Hoffnung, dass es die Leute berührt und unterhält. Am liebsten habe ich es, wenn der Zuseher sowohl lacht und weint. Wenn mir das gelingt, bin ich zufrieden.
Muamer Becirovic
Worum geht’s Ihnen schlussendlich? Geht’s ums Rampenlicht? Geht’s darum zu zeigen, was man drauf hat? Geht’s darum, die Leute zu unterhalten? Irgendeinen Antrieb muss es für Sie ja geben. Man wird ja wohl kaum urplötzlich Schauspielerin, da dieser Beruf doch sehr viele Unsicherheiten mit sich bringt. Es muss sicherlich etwas passiert sein, dass Sie sich gesagt haben: „Ich mach’ das jetzt!“
Nina Proll
Als ich mit der Schauspielerei begonnen habe, habe ich einfach ein Ventil gesucht. In meinem „normalen“ Leben war es nicht möglich bzw. ist es mir nicht gelungen, meine über die Jahre angestauten Gefühle, freizulassen. Ich brauchte also eine Plattform, wie zum Beispiel die Bühne oder Kamera, auf der ich lernen konnte, mich auszudrücken und meine Gefühle rauszulassen. Das Ganze ist ein Handwerk, das man mit einer Schauspiel- und Gesangsausbildung durchaus erlernen kann. Selbstverständlich ist auch ein gewisser Selbstdarstellungsdrang dabei. Als ich dann letztlich das erste Mal auf der Bühne gestanden bin, habe ich gemerkt, dass ich mich noch nie zuvor so wohlgefühlt habe. Auf der Bühne kann ich viel mehr ich sein, als ich es abseits der Bühne jemals sein könnte.
Muamer Becirovic
Was ist denn schöner für Sie? Das Singen oder die Schauspielerei?
Nina Proll
Das Singen ist halt noch etwas Persönlicheres. Die Stimme ist etwas Urpersönliches. Mit Gesang lassen sich sehr viele Emotionen vermitteln. Die Musik lässt einen unmittelbar die Emotion oder Stimmung spüren, für deren Beschreibung man wahrscheinlich drei Seiten brauchen würde. Mit der Musik geht’s viel einfacher. Außerdem ist sie viel direkter und emotionaler.
Muamer Becirovic
Was mir bei den Liedern der „Vorstadtweiber“ noch aufgefallen ist, ist, dass diese großteils im Dialekt gesungen werden. Hat das einen bestimmten Grund?
Nina Proll
Ja, fast ausschließlich. Ein Dialekt hat einfach eine ganz andere Kraft als die Hochsprache. Ich finde, dass zu Wien einfach der Dialekt dazugehört. Das ist – glaube ich – auch ein Geheimnis der „Vorstadtweiber“, dass wir wirklich so reden, wie wir in Wien reden. Es ist schlichtweg nicht so ein gespreiztes Hochdeutsch, das man jeden Tag im deutschen Fernsehen hört, sondern der Dialekt ist authentisch und hat dabei noch viel mehr Kraft und Witz in sich.
In den politischen Auseinandersetzungen kann es durchaus sein, dass bei anderen das Bedürfnis aufkeimt, nach der eigenen Identität zu suchen, sich selbst zu definieren.Nina Proll über den Begriff Heimat
Muamer Becirovic
Tut sich bei den Zusehern dann nicht die Sehnsucht nach „mehr“ Heimat auf? Ist das nicht auch ein Schlüssel zum Erfolg – das Gefühl zu wissen, dass das „mein Grätzl“, „meine Stadt“, „mein „Land“, „meine Heimat“ ist?
Nina Proll
Ich kann nur für mich sprechen und bei mir gibt’s das ganz sicher. In mir war einfach eine große Sehnsucht nach meiner Herkunft, nach Wien vorhanden. Ich bin ja in Wien geboren, dann wieder weggezogen und lebe jetzt in Tirol, aber ich verspüre dennoch immer wieder große Sehnsucht nach Wien in mir. In den politischen Auseinandersetzungen kann es durchaus sein, dass bei anderen das Bedürfnis aufkeimt, nach der eigenen Identität zu suchen, sich selbst zu definieren. „Wer bin ich?“ „Was ist meine Sprache, mein Dialekt?“ „Wo ist mein Grätzl?“ „Wo gehöre ich hin?“ Das sind große Themen, die die Menschen heutzutage sicherlich bewegen.
Muamer Becirovic
Woran liegt das?
Nina Proll
Das liegt daran, dass es heute keine klaren Grenzen mehr gibt, dass alles global zusammenhängt, dass das Internet einen zwar theoretisch mit jedem verbinden kann, man sich selbst aber verloren fühlt. Die Welt ist so groß, jeder kann überall gleichzeitig sein, mit jedem reden, theoretisch überall hingehen und gerade deshalb ist es sehr leicht, sich selbst zu verlieren. Man weiß überhaupt nicht mehr, wohin man soll, wo man hingehört. Die Fülle an Möglichkeiten heutzutage kann durchaus sehr verunsichern. Man sieht diese Unsicherheit auch in der derzeitigen Flüchtlingskrise. Die Leute haben nicht nur Angst, sondern sind auch verunsichert.
© Julius Hirtzberger

© Julius Hirtzberger

Muamer Becirovic
Ist der Wiener empfänglich für Neues?
Nina Proll
Puh… keine Ahnung, ich denke schon. Da kann ich aber auch nur für mich sprechen. Ich glaube schon, dass ich empfänglich bin für Neues. Ob andere genauso sind, kann ich schwer sagen.
Becirovic: Was mich interessieren würde – aus dem Blickwinkel einer Schauspielerin: Gibt es Momente, in denen Sie jemanden im Fernsehen gesehen haben, wie zum Beispiel einen Politiker, und sich dabei gedacht haben: „Das hat der jetzt aber geschauspielert! “
Nina Proll
Na sicher!
Muamer Becirovic
Ja wirklich?
Nina Proll
Sicher! Sehr oft sogar!
Muamer Becirovic
Ist ja cool!
Nina Proll
Es ist dann umso besser und erfreulicher, wenn man einen Politiker trifft, bei dem man dann nicht das Gefühl hat, dass er schauspielert, sondern wirklich authentisch ist. Bei Christian Kern oder Sebastian Kurz beispielweise habe ich das Gefühl, dass sie authentische Politiker sind. Auf der anderen Seite gibt es selbstverständlich auch Marionetten, die einfach nur das wiederkauen, was ihnen zuvor der Coach eingetrichtert hat – samt den immergleichen, langweiligen Floskeln.
Muamer Becirovic
Wenn man sich dessen bewusst ist, ist das natürlich schon spannend.
Nina Proll
Ich glaube, dass jeder spürt, ob ein Gespräch einen berührt, ob ein Politiker einen wirklich erreicht hat, ob ein Politiker nun geschauspielert hat.
Muamer Becirovic
Werden Sie sich in Zukunft zulasten Ihrer Filmkarriere mehr auf die Musik fokussieren?
Nina Proll
Das kann ich nicht sagen. Ich glaube, dass ich immer versuchen werde, abwechselnd beides zu kombinieren. Von der Musik kann ich aber nicht leben, vom Film schon. Deswegen werde ich hoffentlich auch immer Film machen. Dabei bleibe ich. Daneben werde ich weiterhin auch singen, sofern es mir möglich ist. Beides gehört für mich einfach zusammen. Da möchte ich mich einfach nicht entscheiden.
Muamer Becirovic
Also ist das Singen Ihre Form von Selbstverwirklichung?
Nina Proll
Ich weiß es nicht. Ich verwirkliche mich auch im Film selbst, so ist es nicht. Es gehört für mich beides zusammen. Ich möchte mich nicht entscheiden, ob ich jetzt nur das eine oder das andere mache.
Muamer Becirovic
Verstehe. Musical aber auch gerne, soweit ich informiert bin, oder?
Nina Proll
Ja genau, das gehört für mich auch dazu.

Kommende Auftritte von Nina Proll

17. November 2016 – VAZ St.Pölten
Nina Proll „Vorstadtlieder“
Beginn:  20.00 Uhr

18. November 2016 – Arena Nova Wiener Neustadt
Nina Proll „Vorstadtlieder“
Beginn:  20.00 Uhr

26. November 2016 – Museumsquartier – Halle E Wien
Nina Proll „Vorstadtlieder“
Beginn: 20.00 Uhr

19. März 2017 – Congress Center Villach
Nina Proll „Vorstadtlieder“
Beginn: 20.00 Uhr

Tickets:
oeticket (01/96096)

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