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Buchkritik

Von Zeit und Macht – Auf den Spuren der Bedeutung der Geschichte

Was ist Geschichte? Hat sie überhaupt eine Bedeutung? Ist das Vergangene denn nicht eine abgeschlossene Sache und das Untersuchen davon bedeutungslos?
Diese Kritik verfasste Muamer Bećirović, es erschien am 14.05.2019.

Christopher Clark der Geschichtsprofessor aus Cambridge und Autor mit dem Weltbestseller „Die Schlafwandler – Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog“, das man unbedingt gelesen haben sollte, wagt mit seinem neuen Buch „Von Zeit und Macht“ einen Sprung in die Geschichtsphilosophie und versucht mittels historisch praktischer Beispiele zu erzählen, wie sich Herrschaft- und Geschichtsbilder im Laufe der Zeit veränderten.

Die ersten Seiten, die Ouvertüre eines jeden Werks, spart mit gewaltigen Bildern nicht: „Wie die Schwerkraft das Licht, so beugt die Macht die Zeit.“ Die Herrscher sind jene, die die Zeit nach ihrem Willen beugen. Nichtsdestotrotz sind die Mächtigen umgeben von Umständen, die ihnen eine schrankenlose Herrschaft erschwert. Zugleich können sie das Gegebene dafür nutzen, um die Zukunft in eine bestimmte Richtung zu kanalisieren, indem sie der Zeit ihren individuellen Stempel aufdrücken. Der Herrschende mag den Umständen unterworfen sein, den Takt in welche Richtung sich diese auswirken, gibt er doch letztlich selbst an.

Doch wozu Geschichte? Sie verleiht Sinn und Legitimität. Sowohl für den Regenten wie auch den Regierten.

Ein Beispiel kann ich ja spoilern: Friedrich Wilhelm im 17. Jahrhundert führte als preußischer Kurfürst eine Auseinandersetzung mit den Ständen. Sein Fürstentum befand sich am Scheideweg: Entweder sein Reich wird zum Staat und organisiert sich, darf militärische Macht aufbauen und ausüben, Steuern und den Ständen für das große Ganze mehr abverlangen oder der Staat bleibt handlungsunfähig, ein Sammelsurium aristokratischer Ländereien und behält dafür seine traditionell ständischen Privilegien. Die Stände blickten in die Vergangenheit und wollten ihre Privilegien behalten und der Fürst blickte hoffnungsvoll in die Zukunft mit dem Scharfblick, was sich mit einem handlungsfähigen Fürstentum alles erreichen ließe.

Diese zwei völlig unterschiedlichen Zeitlichkeitsverständnisse prallen wie zwei rasende Lokomotiven aufeinander, wo beide die völlig gegensätzlichen Interessen vertreten. Und nur einer, der Mächtigere, wird als Sieger hervorgehen.

Clark veranschaulicht in greifbarer, wie sich das Geschichtsbild bei den zukünftigen preußischen Herrschern verändert hat. Es ist ein geschichtsphilosopschies Buch, welches mit praktischen Beispielen gespickt ist, was man selten findet. Natürlich ist es etwas verschachtelt geschrieben, aber wenn man sich die Zeit zum Nachdenken nimmt, dann erkennt man die faszinierende Struktur dahinter. Die harte Kritik am Buch hat damit zu tun, dass es kein klassisches empirisch historisches Werk ist. Das stimmt, aber es versucht Empirismus und Philosophie miteinander in Einklang zu bringen und das gelingt Clark sehr gut. Es ist ein unterschätztes Buch und unterschätzte Bücher sind zur Überraschung fähig.

Hier kann man das Buch kaufen: Christopher Clark – Von Zeit und Macht – Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten.