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Portrait | Kamera

Angela Merkel – Unerwartet, Unerwünscht

Seit ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin gilt Angela Merkel als die Physikerin der Macht. Sie konnte Positionen zu politischen Themen am darauffolgenden Tag ändern, ohne dass es ihren Beliebtheitswerten jemals geschadet hätte. Angela Merkel schwebte sinnbildlich wie eine Kanzlerpräsidentin über der täglichen Regierungspolitik. Innerhalb der CDU ist sie alle aufmüpfigen und leicht arroganten Männer, die ihr den Bundeskanzlersessel auch nur ansatzweise streitig gemacht haben, unauffällig und geschickt losgeworden. Doch was treibt den überaus skeptischen und emotionslosen Machtmenschen Merkel an, eine solch unpopuläre Position zur Flüchtlingskrise sogar emotional zu verteidigen, bewusst wissend, dass es ihr ausschließlich politisch schadet? Das Leben Angela Merkels erklärt ihr Verhältnis zur Politik. Woher sie kommt und wie sie es bis an die absolute Spitze geschafft hat, hat sie bis heute nicht vergessen.
Lesezeit: 4 Minuten
Dieses Portrait verfasste Muamer Becirovic, es erschien am 22.12.2016.

 

Angela Merkel ist ein gutes Beispiel einer Person, der man die politische Karriere nie in die Wiege gelegt hat. Nein: Sie musste sich stets holen, was sie wollte. In der DDR wuchs die heutige deutsche Bundeskanzlerin in einer protestantischen und politischen Familie auf. Ihr Vater, der Priester war, erzog sie zu Hochleistung, eisernem Willen, Ordnung und Barmherzigkeit. Im Familiengasthof versammelten sich öfters behinderte Kinder, mit denen man etwas unternahm und um die man sich kümmerte. Angela Merkel wurde mit einem humanistischen Weltbild erzogen. Sie war eine exzellente Schülerin, legte ihr Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,0 ab. Als die Berliner Mauer fiel, engagierte sie sich in einer christdemokratischen Bewegung, die später in die CDU mündete. Der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl entdeckte Merkel und wurde ihr Mentor. Unter ihm wurde sie Ministerin für Familie und Jugend. Sie war eine unauffällige und fleißige Ministerin. Ein weiterer Karrieresprung gelang ihr, als sie CDU-Generalsekretärin wurde. Dieser Posten sollte auch der höchste Merkels politischer Karriere sein. Das dachten sich die Parteigranden. Sie sollten sich irren.

Merkel hatte in der Tat großes politisches Talent. Doch das sahen die Westdeutschen CDU-Politgranden nicht, weil sie arrogant und ignorant waren. Sie reduzierten Angela Merkel auf ihre Ostdeutsche Kleidung und ihrer komischen Frisur. Die CDU-Granden dachten ernsthaft, dass Angela Merkel ihr Ressort brav für sie beackert, ohne Ambitionen nach Größerem zu haben. Sie zu unterschätzen hat die Parteigranden viel gekostet: Als eine illegale Spendenaffäre ihres Mentors Helmut Kohl aufkam, sah sie ihre Stunde gekommen und zögerte nicht, den CDU-Halbgott Kohl aktiv loszuwerden. Sie hatte gelernt, dass Voranschreiten auch Abwurf von Ballast bedeutet. In der Öffentlichkeit wagte sich keine CDU-Größe, den Altkanzler trotz der Spendenaffäre in Frage zu stellen. Außer Angela Merkel, die aktiv etwas unternahm. Sie schrieb einen Brief in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem sie ihren Mentor direkt aufforderte, den Sessel zu räumen. Der deutsche Altkanzler Helmut Kohl trat letzten Endes zurück, weil der Druck zu groß wurde. Durch den Rücktritt Kohls entstand ein Machtkampf um die Nachfolge des CDU-Chefs. Alle Parteigrößen brachten sich in Stellung. Angela Merkel hatte die schlechtesten Karten, weil sie über keine parteiliche „Hausmacht“ verfügt. Sie hat aber mit ihrem Brief deutlich signalisiert, dass sie neue CDU-Chefin werden will.

Angela Merkel

© FNDE

Die mächtigen CDU-Ministerpräsidenten der einzelnen deutschen Bundesländer, die allesamt Alphatiere waren, wollten Angela Merkel ebenfalls nicht als Chefin. Die Ministerpräsidenten konnten sich nur nicht darauf einigen, wer aus ihrem Ministerpräsidenten Zirkel nächster CDU Chef werden soll, weil kein Ministerpräsident den anderen unterstützen wollte.
Nicht zu vergessen ist, dass es Angela Merkel schlichtweg nicht zustand, diesen Rücktrittsbrief zu schreiben. Das war großes Querdenkertum. Ginge es nach den Hierarchien der Partei, hätte sie ihn nie veröffentlichen dürfen. Der Brief ist aus heutiger Perspektive ein Werk zwischen Genie und Wahnsinn: Genie in dem Sinne, dass sie durch diesen Brief die Option auftrat, CDU-Chefin zu werden. Der Wahnsinn war, dass es ihr politisches Todesurteil, welches weitaus wahrscheinlicher war, bedeuten konnte. Eigentlich war es ihr politisches Todesurteil, weil als Nachfolger von Kohl an der Parteispitze immer Wolfgang Schäuble vorgesehen war. Aber dieser hatte beinahe zeitgleich mit Kohl ebenfalls eine illegale Spendenaffäre zu verantworten. Schlussendlich passierte das, was alle nicht einmal im Geringsten geahnt hätten: Der neue CDU-Chef wurde Angela Merkel. Sie kam nicht nur unerwartet an die Macht, sie war von ihrer Partei auch nie als Chefin vorgesehen. Es fehlte ihr einfach an einer „Hausmacht“ innerhalb der Partei. Sie musste sich Mehrheiten immer erarbeiten, weil sie aus keinem mächtigen CDU-Bundesland kam.

Vor der Flüchtlingskrise hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel stets Schlaftablettenpolitik betrieben. Sie hat weder politisch angeeckt, noch für spannende politische Debatten gesorgt. Sie war, wie der ehemalige deutsche Finanzminister Peer Steinbrück einmal richtig behauptet hat, die „Hüterin aller deutscher Porzellankisten“. Sie signalisierte mit ihrer Raute, dass sie alles unter Kontrolle hatte. Dass man sich keine Sorgen machen müsse. Merkels Politik sorgte dafür, dass sich die Deutschen in einer permanenten Gegenwart einnisten können. Doch zur Hochphase der Flüchtlingskrise setzte Merkel zum Paukenschlag an: „Wenn wir uns jetzt entschuldigen müssen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land“. Sie nahm die Maske ab. Angela Merkel weckte das politisch verschlafene Volk. Das war nicht mehr die Angela Merkel, die man vor Jahren kannte. Mit diesem emotionalen Satz hat sie sich einen Standpunkt auferlegt, von dem sie auch nahezu stur nicht abweichen will. Mit diesem Satz hat sie zum ersten Mal Farbe bekannt. Doch wieso macht sie das, obwohl es ihr politisch nur schadet? Zur Hochphase der Flüchtlingspolitik führte sie keine restriktive Flüchtlingspolitik. Sie tat das, weil sie das Leben so geprägt hat. Als Ostdeutsche sah sie die Berliner Mauer fallen und tausende Ostdeutsche nach Westdeutschland flüchten. Die Westdeutschen empfingen sie mit offenen Armen. Sie sah in großen Veränderungen immer das Positive. Sie begrüßt große Veränderungen, weil große Veränderungen auch für ihr Leben immer Positives bedeutet haben.

Schlussendlich ist Angela Merkel keine große Ideologin und Reformerin. Sie ist eine Frau mit einem klaren Weltbild, aber ideologisch nicht fix zuordenbar. Mal ist sie liberal, mal ist sie konservativ, mal christlich-sozial. Doch was Angela Merkel ist, ist eine erbitterte Kämpferin, die nicht aufgibt. Die Partei ist nicht gerade in euphorischer Laune, wenn es um die Person Angela Merkel geht. Am Bundestag der CDU stimmte die Parteibasis gegen die von Merkel ausverhandelte Doppelstaatsbürgerschaft. Angela Merkel ärgert dieser Beschluss nicht, weil sie Widerstand gewohnt ist und zweitens weiß sie, dass die Partei sie braucht, um zu gewinnen. Könnte Merkel nicht gewinnen, dann wäre sie Geschichte. Daran besteht kein Zweifel. Angela Merkel ist deshalb auch nicht zimperlich, der Partei zu zeigen, wo es langgeht. Und das mit aller Härte. Ihr Motto in Reden und auf Plakaten: „Ich will Deutschland dienen“. Kein Wort von ihrer Partei. Man kann sich sicher sein, dass die CDU nach Merkels Abgang aus dem Bundeskanzleramt Jahre brauchen wird, sich mit ihr zu versöhnen. Ihr unerschütterliches Durchhaltevermögen wird bleiben.

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