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Gespräch N° 1 | Kabinett

Alexander Van der Bellen

„Die Eltern fördern dieses Fabriksystem in der Schule”

Der ehemalige Bundessprecher der Grünen, Alexander van der Bellen, erklärt im Gespräch, warum Studierende die „Bauern der Grünen“ sind und warum er kein Problem mit „OMV-Bibliotheken“ hätte.

Hinweis: Dieses Gespräch wurde zum angegebenen Datum ursprünglich auf muamerbecirovic.com veröffentlicht und auf Kopf um Krone übernommen.
Lesezeit: 8 Minuten
Das Gespräch führte Muamer Becirovic und erschien am 20.02.2015, fotografiert hat Dersim Cakmak.

 

Muamer Becirovic
Herr Van der Bellen, Sie haben sich aus dem Getümmel der Politik zurückgezogen. Wieso eigentlich? Sie waren auf gutem Kurs, wieso haben Sie das Ruder übergeben?
Alexander Van der Bellen
Ich fand die »zweite Reihe« interessanter und bin nicht jemand, der auf Knopfdruck sofort eine Meinung zu etwas hat. Und das muss man als Vorsitzender einer Partei haben – und zwar zu jedem Thema.
Muamer Becirovic
Man meckert ja permanent darüber, dass zu wenig Geld in Bildung gesteckt wird. Schaut man sich den Sachverhalt an, dann ist über die Jahre immer nur mehr Geld in die Bildung geflossen. Wie erklären Sie sich also diese Meckerei?
Alexander Van der Bellen
Das stimmt nicht ganz. Es kommt ganz darauf an, was Sie sich angeschaut haben: Was ich besonders verfolge ist das Budget der Universitäten. In diesem Bereich gab es Jahre, wo die Ausgaben zwar nicht nominell, aber real gekürzt wurden. So gab es 2012/13 sogar einen Rückgang.
Muamer Becirovic
Aufgrund unserer demographischen Entwicklungen wird man jüngere Menschen früher in den Arbeitsmarkt entlassen müssen, um wirtschaftlich international mithalten zu können. Wie lange sollte denn ein Student mindestens studieren müssen?
Alexander Van der Bellen
Müssen tut er oder sie erstmal gar nichts. Ich halte das für eine individuelle Entscheidung, da hat mir niemand etwas dreinzureden.
Muamer Becirovic
Dann versuche ich es einmal anders: Wenn ein Mensch den Weg einer AHS bestreitet, dann sind das ca. zwölf Jahre Bildung am Stück. Ist das nicht zu viel, in Anbetracht der Tatsache, dass mittlerweile 16-jährige wählen dürfen, aber mit 18 noch in der Schule sitzen?
Alexander Van der Bellen
Ich wiederhole mich: Dies ist eine persönliche Entscheidung. Sie können ja auch einen anderen Weg gehen, der mitunter kürzer ist, eine Lehre machen oder dergleichen.
Muamer Becirovic
Ein Bildungsrevolutionär scheinen Sie also nicht zu sein.
Alexander Van der Bellen
Der springende Punkt ist jedoch, wie die Schulbildung gestaltet ist. Ich meine, wenn Sie überbegabt sind, dann können Sie auch die AHS schneller abschließen, die Möglichkeit ist ja da.
Alexander Van der Bellen

© Dersim Cakmak

Muamer Becirovic
Bleiben wir bei der Bildungsrevolution: Würde es denn im Bereich der Bildung eine solche Revolution brauchen? Noch einmal zur Demographie: Wir werden jüngere Menschen früher in die Beschäftigung schicken müssen. Dass es einen Umbruch im Bildungssystem geben muss, darüber ist nicht hinwegzusehen.
Alexander Van der Bellen
Sie können hier an zwei weiteren Schrauben drehen. Sie können die Älteren, wenn sie weiter arbeiten wollen, weiter arbeiten lassen. Die zweite Schraube wäre die Immigration. Die Talente der Migranten nutzen wir aber nicht, wir legen ihnen Steine in den Weg.
Muamer Becirovic
Immigration wird aber keine gesamtstaatlichen Probleme lösen, sondern stellt vielmehr eine Übergangslösung dar. Würden Sie denn die Matura abschaffen? Wozu acht Jahre lang ins Gymnasium gehen und für hunderte Prüfungen lernen, wenn doch am Ende nur die »Endprüfung« zählt und die Studien sowieso durch Aufnahmeprüfungen beschränkt sind?
Alexander Van der Bellen
Dieses Problem habe ich einmal mit einigen Studenten diskutiert. Ich persönlich brauche keine Matura, solange klar ist, dass, wenn die Leute ihr Studium beginnen, sie gewisse Mindestanforderungen erfüllen. Das muss nicht unbedingt eine Aufnahmeprüfung sein, es kann auch ein Verfahren sein, welches ein Semester lang dauert. Man soll nur nicht mit den Anforderungen heruntergehen, weil es keine Matura gibt. Die Matura ist ein pragmatischer Filter, der Maturanten einen Zugang zum Studium gewährt. Keine Matura zu haben würde die Arbeit der Universitäten vervielfachen. Es gibt manche, die selbst mit der Matura nicht studieren können, und dann gibt es welche, die ohne Matura studieren, nachdem sie eine Studienberechtigungsprüfung abgelegt haben.
Muamer Becirovic
Können Sie sich denn Studiengebühren vorstellen? Sollen im Vorfeld »Schulden« für Studierende entstehen, die sie als Absolventen dann »abarbeiten«?
Alexander Van der Bellen
Diese Idee halte ich für schwer administrierbar. Vor ein paar Jahren hatte die SPÖ eine solche Idee, die sich »Akademikersteuer« nannte. Dies ging nicht, weil zu viele Fragen offen waren. Was ist mit den Ausländern, die bei uns studieren und danach nach Hause gehen? Die werden niemals eine Akademikersteuer zahlen. Was ist mit den Einheimischen, die nach dem Studium ins Ausland gehen? Man darf nicht vergessen, dass die Akademiker die mobilste Bevölkerungsgruppe von allen bilden. Diese Menschen mit einer solchen Steuer zu erfassen, ist schwierig.
Muamer Becirovic
Schauen wir uns einmal die FHs an. Dort kostet ein Studium Daumen mal Pi 300 Euro. Die sind auch besser ausgestattet, jeder hat einen Sitzplatz etc. Wären Sie denn nicht auch für einen solchen Beitrag an Universitäten?
Alexander Van der Bellen
Also bei mir rennen Sie da offene Türen ein. Ich war schon immer für vertretbare Studiengebühren, wenn gleichzeitig das Stipendienwesen ausgebaut wird. In meiner Partei habe ich mich damals nicht durchgesetzt und es eines Tages aufgegeben (lacht). Das Argument meiner Parteikollegen war etwa folgendes: «Die ÖVP hat die Bauern. Die Bauern sind für die ÖVP heilig (lacht) und die ÖVP wird ihre Interessen immer Vertreten. Unsere Bauern sind die Studierenden. Also gib a Ruh.«
Muamer Becirovic
Herr Van der Bellen, bei allem Respekt: Wir werden uns die Aufrechterhaltung des österreichischen Lebensstandards ohne radikale Kürzungen in einigen Bereich nicht leisten können. Es wird eine Reform, wie es sie in Deutschland unter Gerhard Schröder (Anm.: Agenda 2010) gegeben hat, kommen müssen.
Alexander Van der Bellen
Und dies wollen Sie gerade an der Bildung exekutieren? (lacht) Mir fallen viele Sachen ein, wo man sparen könnte, Sachen, die kein Mensch braucht, wie etwa der Koralmtunnel. So etwas braucht kein Mensch, kostet aber Milliarden. Ein anderes Beispiel: Schauen Sie sich die Schweiz an, die ETH Zürich (Anm.: Eidgenössische Technische Hochschule). Vergleichen Sie einmal die Budgets der Wiener TU und der ETH Zürich.
Muamer Becirovic
Das ist die Schweiz und das hier ist Österreich.
Alexander Van der Bellen
Die Schweiz hat eine geringere Steuerquote als Österreich, aber die ETH Zürich hat mindestens viermal mehr Budget pro Kopf als die TU Wien.  Man kann der TU den größten Respekt zollen, dass Sie mit diesen Mitteln in einigen Gebieten Weltklasse leistet. Dass man permanent grandiose Leistungen von den Universitäten verlangt, aber nicht mehr Geld reinbuttern will, ist unglaublich hanebüchen. Wenn Sie wo sparen wollen, dann bei Sachen die ineffektiv, nutzlos oder Geldverschwendung zum Nutzen einiger Branchen sind, zum Beispiel der eben genannte Bau des Koralmtunnels.
Muamer Becirovic
Wenn wir schon beim Geld sind: Wenn wir uns die Spitzenuniversitäten der Welt ansehen, dann werden die von Großkonzernen, der Rüstungsindustrie und von Banken gesponsert. Wäre denn eine unternehmerische Beteiligung an einer Universität nicht von Gewinn?
Alexander Van der Bellen
Up to a point. Das was Sie sagen stimmt nur bedingt. Harvard hat viel Kapital angehäuft, so ist eine Abhängigkeit nicht gegeben …
Muamer Becirovic
… zwar nicht gegeben, aber es ist ein netter Nebenverdienst.
Alexander Van der Bellen
Diese Universitäten haben ein Budget so groß wie alle österreichischen Universitäten zusammen. Nehmen Sie sich ein Beispiel an der Schweiz. Dort funktioniert eine Kooperation zwischen Wirtschaft und Universitäten grandios. In Österreich, gemessen an Forschungsaufträgen, nicht. Wieso ich »up to a point« gesagt habe: Mir ist es egal, wenn die OMV eine Bibliothek sponsort und diese dann »OMV-Bibliothek« heißt. Wenn eine Privatperson 10 Millionen spendet, wieso sollte ich etwas dagegen haben? Aber die Autonomie der Hochschulen muss gewahrt bleiben, eine Einmischung in Forschung und Lehre von Sponsoren oder Mäzenen darf es nicht geben. Wenn wir außerdem einen Blick in die USA werfen, sehen wird, dass Geistes- und Kulturwissenschaften dort weniger gesponsert werden als die Naturwissenschaften.
Alexander Van der Bellen

© Dersim Cakmak

Muamer Becirovic
Goethe hat mal gesagt: »Nichts ist schrecklicher als ein Lehrer, der nicht mehr weiß als das, was die Schüler wissen sollen.« Da ich noch Schüler bin, behaupte ich mal, dass die Lehrer heute weitaus pädagogischer an die Schülerinnen und Schüler herangehen als sonst, dafür ihre Fachkenntnis nachlässt. Ist es die Aufgabe der Lehrer, die Erziehung für die Eltern zu übernehmen? Dieses Gefühl habe ich mittlerweile.
Alexander Van der Bellen
Die Schule hat diese Aufgabe auch. Man kann allerdings nicht jedes Defizit ausgleichen, das von zu Hause mitgebracht wird.
Muamer Becirovic
Ich stelle einmal eine Hypothese auf: Zunehmend habe ich das Gefühl, dass ältere Lehrer mehr Fachkenntnis hatten, aber dafür pädagogisch schwächer waren. Die jungen Lehrer hingegen setzen mehr auf Erziehung, besitzen aber weniger Fachkenntnis. Was sagen Sie dazu?
Alexander Van der Bellen
Ist das denn so? Zu meiner Zeit als Schüler hatten die Älteren null Fachkenntnis und die Jüngeren waren wenigstens in der Beziehung besser.
Muamer Becirovic
Eine andere Frage: Ist es nicht absurd, dass Schüler sechs verschiedene Fächer pro Tag haben, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben?
Alexander Van der Bellen
Da gibt es eine längere Diskussion darüber. Im Bereich der Privatschulen ist dieses Thema lockerer, da wird beispielsweise verstärkt auf Projektwochen gesetzt. Ich halte dieses »Fächersystem« für ein Überbleibsel der militärischen Ausbildung aus dem neunzehnten Jahrhundert.
Muamer Becirovic
Als Schüler kann ich Ihnen sagen, dass wir verdammt viele Schularbeiten und Tests haben, aber uns ständig nur fragen: Wozu? Was von dem gelernten Wissen übrig bleibt, ist wirklich nur ein minimaler Teil. Oder wissen Sie noch was die Desoxiribonucleinsäure ist? Ich könnte es Ihnen auch nicht erklären, obwohl ich das vor zwei Jahren gelernt habe.
Alexander Van der Bellen
Auch dies wird unter Universitätsdidakten diskutiert. Früher war es so, dass man am Ende des Studiums eine große Prüfung zu bestehen hatte und dafür ziemlich viel Stoff lernen und abrufen können. Das war nicht jedermanns Sache. Mittlerweile legt man mehrere Prüfungen in kleineren Zeitabständen ab.
Muamer Becirovic
Anders gefragt: Meinen Sie nicht, das jenes Wissen, dass für den Alltag notwendig ist, mit dem Lehrplan der Schulen nicht übereinstimmt?
Alexander Van der Bellen
Das haben schon die Lateiner behauptet: »Man lernt fürs Leben, nicht für die Schule.« Die Menschen sind so verschieden. Die Schule auf jedes Individuum zuzuschneidern wird schwer, was nicht heißt, dass man den Kanon nicht verändern kann. Ich habe mir immer gewünscht, dass es mehr Wahlfreiheiten gibt. Ich für mich hätte gerne mehr Deutsch und Geschichte gemacht und weniger Physik und Chemie. Das hat mich einfach nicht interessiert.
Muamer Becirovic
Hat sich denn seit Ihrer Schulzeit nichts verändert?
Alexander Van der Bellen
Ich hoffe doch, dass sich in den letzten 50 Jahren etwas verändert hat. Früher hieß es: Still sitzen und zuhören. In meiner Schulzeit musste ich in Deutsch nur einmal ein Referat in freier Rede halten. Es ist über die Jahre doch hoffentlich besser geworden, etwa durch mehr Autonomie der Schulen und mehr Selbständigkeit der Schüler und Schülerinnen.
Muamer Becirovic
Nehmen wir ein weiteres positives Beispiel eines Bildungssystems: Finnland. Die haben es geschafft, innerhalb von kürzester Zeit ihr Schulsystem umzukrempeln. Wieso können wir das nicht?
Alexander Van der Bellen
Gute Frage. Da müssen Sie die ÖVP fragen – und die Lehrergewerkschaft.
Muamer Becirovic
Das Probleme sehe ich weniger an den Lehrern. Schauen Sie nach Deutschland: Dort gibt es sehr gute Konzepte, die aber nicht umgesetzt werden, weil man sagt, dass man die Wahlen damit nicht gewinnt.
Alexander Van der Bellen

© Dersim Cakmak

Alexander Van der Bellen
Schuld an der Blockade, am Reformunwillen, trägt nicht nur die Politik. Ich sehe auch die Eltern in der Verantwortung: Man sorgt sich um die Kinder, dass sie ja ausreichend viel lernen, und machen in der Schule Druck. Das ist schon nachvollziehbar: Die Eltern fördern dieses Fabriksystem in der Schule, weil unser kapitalistisches System das fördert.
Muamer Becirovic
Obliegt Volkschulpädagogen eigentlich nicht eine viel zu große Verantwortung? Diese legen schließlich den Grundstein für die weitere Schullaufbahn jedes Kindes. Kann von einem neunjährigen Kind sagen, ob es für das Gymnasium, für eine Lehre oder ein Studium geeignet ist?
Alexander Van der Bellen
Ich bin ganz bei Ihnen. Das ist auch der Grund, wieso so viele Menschen für eine gemeinsame Schule der zehn- bis 14-jährigen eintreten. Es ist absurd, dass im Alter von neuneinhalb Jahren entschieden wird, wie die zukünftige Schulbildung eines Kindes auszusehen hat. Diese Entscheidung ist oft völlig willkürlich und kommt außerdem viel zu früh.
Muamer Becirovic
Eine abschließende Frage, Herr Professor: Wie gefällt Ihnen der Titel »Bundespräsident«?

Alexander Van der Bellen
(lacht) Über die Weihnachtsfeiertage habe ich mit Interesse in einem Buch von Manfried Welan geschmökert, das »Der Bundespräsident« heißt. Er kommt zu dem Schluss, dass wir das Amt eigentlich nicht brauchen (lacht).

Alexander van der Bellen (geboren 1944 in Wien) studierte Volkswirtschaft an der Uni Innsbruck und war von 1997-2008 Bundessprecher der Grünen. Seit 2010 ist er Beauftragter der Stadt Wien für Universitäten und Forschung. Alexander van der Bellen wird als Kandidat für die Bundespräsidentschaftswahl gehandelt. 

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