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Gespräch N° 3 | Kabinett

Matthias Strolz

„Politik ist eine Droge”

NEOS-Chef Matthias Strolz über Moral in der Politik, Halbgötter und kontinuierliche Sterbeprozesse in Österreich.

Hinweis: Dieses Gespräch wurde zum angegebenen Datum ursprünglich auf muamerbecirovic.com veröffentlicht und auf Kopf um Krone übernommen.
Lesezeit: 13 Minuten
Das Gespräch führte Muamer Becirovic und erschien am 03.04.2015, fotografiert hat Dersim Cakmak.

 

Muamer Becirovic
Herr Strolz, ich seh‘s Ihnen richtig an: Sie sind ein elanvoller Diskussionspartner. Kommen wir zur ersten Frage: Die Menschen waren noch nie so unzufrieden mit der heimischen Politik. Wenn man mit der Bevölkerung über Politiker spricht, hört man einen Satz sehr oft: »Die richten sich‘s eh!«. Wie erklären Sie sich dieses Bad Image der Politik?
Matthias Strolz
Die westlichen Demokratien stecken in einer gewissen Krise, es gibt sozusagen eine Großwetterlage über die gesamten Demokratien hinweg. Jedoch ist das Problem in Österreich ein spezielles: Wir verschlechtern uns sowohl wirtschaftlich als auch in Bildungsrankings, eigentlich in fast allen Bereichen. Dazu kommt eine Arbeitslosigkeit, die über 60 Jahre nicht so hoch war. Sämtliche Parameter sind in Österreich mit falschen Vorzeichen ausgestattet, es ist ein unwohles Gefühl vorhanden. Man sucht nach Schuldigen und die Sehnsucht nach einfachen Antworten war selten größer als aktuell. Ein Aspekt ist hier auch zu berücksichtigen, der in der öffentlichen Diskussion aus meiner Sicht stets zu kurz kommt: Weil wir heute als Individuen mehr wissen als früher, also weil wir informierter sind, haben wir mitunter auch weniger Vertrauen. Da gibt es interessante wissenschaftliche Abhandlungen darüber.
Muamer Becirovic
Die Sehnsucht nach einfachen Antworten, wie Sie gesagt haben, ist heute sehr groß. Dabei darf nicht vergessen werden, dass der Wunsch nach einem »starken Mann« Hand in Hand mit dem Wunsch nach einfachen Antworten geht. Was passiert dann, wenn unser hoher Lebensstandard sinkt, oder drastisch sinkt? Geht dann alles hoch?
Matthias Strolz
Das Potential zu weniger Lebensstandard ist auf jeden Fall da. Unser Schuldenstand ist dort, wo sich Griechenland in den 90ern befand. Die Dinge können sich schnell ändern. Schwacher Trost: Wenn Sie sich den Glücksindex von Völkern ansehen, dann werden Sie sehen, dass ärmere Völker mitunter glücklicher als reichere Völker sind …
Muamer Becirovic
… Sind denn Politiker für Glück zuständig?
Matthias Strolz
Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Wir haben uns als Politiker darauf geeinigt, dass wir für materiellen Wohlstand zuständig sind. Man könnte die Diskussion erweitern und sich fragen, ob der Fokus auf den materiellen Wohlstand doch nicht ein dumpfes Politikverständnis ist.
Muamer Becirovic
Zwischenfrage: Sind Politiker Erzieher?
Matthias Strolz

© Dersim Cakmak

Matthias Strolz
Die Gefahr lauert, wenn ich für Glück zuständig bin. Für jeden bedeutet Glück etwas anderes. Wir unterstellen, dass für jeden ökonomischer und materieller Wohlstand gut ist. Das ist nun natürlich auch eine Hypothese, die man hinterfragen könnte, es wird dir aber politisch nicht gut tun, wenn du es hinterfragst.
Muamer Becirovic
Das war nicht meine Frage, Herr Strolz.
Matthias Strolz
Nein, ich habe auf Erziehung ohnehin einen sehr kritischen Blick. Eine Pflanze wächst auch nicht schneller, wenn du daran ziehst. So ist es auch bei Kindern. Kann man Kindern erziehen? Nein, im Endeffekt machen sie dir sowieso alles nach. Du kannst Vorbild sein, ja. Ich kann mein Kind nicht erziehen, dass es aufhören soll, in der Nase zu bohren, wenn ich es selbst mache.
Muamer Becirovic
Was ist denn nun konkret die Aufgabe der Politik?
Matthias Strolz
Die Rahmenbedingungen zu schaffen. Politiker sind eine Art Geburtshelfer. Sie bringen das Neue nicht auf die Welt, aber sie können dabei behilflich sein, dass es hier gut ankommt. Das ist wie bei Hebammen. Die bringen die Babys auch nicht auf die Welt, aber ich kann berichten, sie sind eine verdammt wertvolle Unterstützung beim Gebären. Als Politiker soll ich dabei helfen, das Neue auf die Welt zu bringen, indem ich Landebahnen für die Zukunft baue. Die Zukunft kann dann besser ankommen.
Muamer Becirovic
… Und weil es verschiedene Ansichten gibt, wie so eine Landebahn aussehen soll, haben wir verschiedene politische Parteien. Dabei ist die Aufregung um genau dieses System hierzulande groß: Ich stelle einmal die These auf, dass viele Menschen in den Parteien ein Kollektiv sehen, das für nichts haftet. Stimmen Sie mir zu?
Matthias Strolz
Das ist ein weiter Spannungsbogen. Ich würde schon meinen, dass das Kollektiv die Abrisskante in die Verantwortungslosigkeit hat, oder in die moralische Verkrüppelung.
Muamer Becirovic
Ich wage einmal zu behaupten, dass es für viele Menschen unüberschaubar wird, wie dieses Kollektiv funktioniert und agiert, aber ohne Parteien wird eine demokratische Gesellschaft auch nicht funktionieren.
Matthias Strolz
Die Parteien sind unsere Grundsäulen der Demokratie. Man wird Parteien immer haben, man kann sie abschaffen, aber letzten Endes wird es immer eine Kanalisierung von Anliegen in Form von Organisationen brauchen. Wir NEOS sind eine BürgerInnenbewegung. Uns war klar, dass Parteien die wohl unattraktivste Organisationsform in Österreich sind. Junge Menschen würden sich dort nur in Ausnahmefällen engagieren. Sie und ich sind Ausnahmen, weil wir Politschädel sind. Wie sind so uninteressant für den Durchschnittsbürger wie die Vereinigung der Mathematiker.
Muamer Becirovic
Klar ist eine solche Vereinigung für den Durchschnittsbürger uninteressant, aber diese bestimmt ja nicht über die Gesellschaft.
Matthias Strolz
Da müssen wir auf die Geschichte zurückgreifen: Wie hat sich die Politik im 20. Jahrhundert gesehen? Sie hat sich als gesellschaftliches Leitsystem gesehen. Das sehe ich heute anders und zwar sage ich, dass die Politik ein hochrelevantes Teilsystem unserer Gesellschaft ist, wie etwa die Gesundheit oder der Sport. Jenes sind alles Teilsysteme. Versuchen Sie doch einmal in die österreichische Sportlandschaft einzutauchen, und wie sie organisational verfasst ist. Da werden Sie bestimmt5 Lehrjahre machen müssen, bis Sie das verstehen. Das ist ein eigenes Universum. Und so ist es bei der Kultur, beim Militär, bei der Gesundheit, bei der Kirche, bei der Wirtschaft. Ich will damit sagen, dass die Politik nicht das alles dominierende System ist. Sie ist ein Teilsystem neben anderen. Die Politik hat aber als Teilsystem eine wesentliche Aufgabe. Nämlich eine Art Dienstleistungsfunktion: es ist die Aufgabe der Politik, für die anderen Teilsysteme den Rahmen zu setzen. Insofern hat sie eine besondere Relevanz. Machtpolitisch ist die Politik aber nicht das übergeordnete System. Es ist eine Art kollaterale Dienstleistung. Natürlich ist das ein nicht eingeübter Gedanke, aber im Tun ist die Gesellschaft bereits dort angekommen.
Muamer Becirovic
Meinen Sie dieses glorreiche Image eines Staatsträgers?
Matthias Strolz
Wenn ich als Politiker in der U-Bahn unterwegs bin oder in einem Bierzelt vorbeischaue, dann ist das für die Menschen inzwischen ziemlich normal, eher unaufgergt. Niemand huldigt mir, nur weil ich Politiker bin. Es hat hier mittlerweile eine Entmystifizierung der Politik stattgefunden. Wir haben hier einen Job zu erledigen und werden ordentlich bezahlt. Vor 25 Jahren, als ich selbst noch jugendlich war und mir ein Landesregierungsmitglied erschienen ist, war der für mich fast schon ein Halbgott am Zeltfest. Und wenn ein Politiker damals zu solch einem Fest kam, wurde alles für eine Begrüßung unterbrochen. Heute bin ich bei vielen Veranstaltungen, wo ich nicht begrüßt werde, nicht einmal als Klubobmann. Das ist auch völlig in Ordnung, weil ich hier einen Job zu machen habe, und viele andere haben auch einen verantwortungsvollen Job zu erledigen.
Matthias Strolz

© Dersim Cakmak

Muamer Becirovic
Herr Strolz, meinen Sie nicht, dass Sie den Job eines Politikers etwas herunterspielen? Ist es nicht der Beruf des Politikers, der die Gesellschaft am Stärksten prägt?
Matthias Strolz
Ja und nein. Gehen wir’s dialektisch an. Nein, der wichtigste Job für mich ist der des Lehrers oder der Lehrerin. Das Wichtigste für mich sind unsere Kinder, und ich übergebe meine Kinder den Lehrerinnen und Lehrern, die sie über zwölf Jahre begleiten. Und ich hoffe, dass sie keinen Scheiß bauen, weil es meinem Kind sonst nicht gut geht. Wir können also darüber diskutieren, ob die Beeinträchtigung durch schlechte Politiker, oder durch schlechte Lehrer auf mein Kind größer ist. Doch natürlich ist die Politik wichtig, keine Frage. Für mich ist Politik das wichtigste, wie für Anna Fenninger das Skifahren.
Muamer Becirovic
Sie machen sich also Sorgen, Ihr Kind könnte unter dem Einfluss eines schlechten Lehrers leiden. Sie wissen aber genau, dass eine höhere Instanz bestimmt, wie ein Lehrer zu unterrichten hat, und die höchste Instanz in einem Lande ist nun einmal die Politik. Das heißt, dass die größte Verantwortung für ein gesellschaftliches Gebilde bei der Politik liegt, oder nicht?
Matthias Strolz
Nein, die Politik hat die Aufgabe, den Rahmen zu setzen, fixe Räume zu definieren. Sie schafft dem Lehrer damit aber auch Freiraum, und wie jener diesen nutzt, hängt von ihm selbst ab. Die Frage, die sich nun stellt, ist folgende: Ist der Rahmen, oder die individuelle Nutzung des Gestaltungsspielraums, den ein Lehrer hat, wichtiger für das Leben und die Entwicklung eines Kindes? Gesetze sind grundsätzlich Papier. Wir können auch über Cannabis diskutieren, wenn 500.000 Menschen sich über das gesetzliche Verbot hinwegsetzen, dann müssen wir uns fragen, ob dieses Gesetz sinnvoll ist. Jetzt widmen sich der Justizminister und die ÖVP dieser Fragestellung.

Muamer Becirovic
Dieser Gedanke, dass Politik das Größte ist, wohnt der nur in mir, oder auch in Ihnen? Oder gar in jedem Menschen?


Matthias Strolz
Nein, nur in uns Politschädeln. Den Gedanken gibt es nur in dir, weil du ein Politschädel bist, wie ich. Glaubst du, dass der Kardinal Schönborn das so sieht? Der hält Gott für das Größte und die Kirche für den göttlichen Statthalter. Über die Politik würde er nur lächeln. Frag dich doch auch, ob die Investmentbanker in den 90ern die Politik überhaupt für relevant gehalten haben. Offensichtlich nicht.

Muamer Becirovic
Ich als Politiker trage aber die Verantwortung für diese Menschen. Ich bin dazu gewählt worden, an der Spitze zu stehen und über Sachen zu bestimmen, die alle etwas angehen. Wenn Sie als gewählter Politiker nun rausgehen, dann tragen Sie für jeden Menschen, der Ihnen über den Weg läuft, Verantwortung. Das hat doch etwas Mystisches, oder etwa nicht? Kardinal Schönborn muss sich nur vor Gott rechtfertigen. Sie, Herr Strolz, müssen sich vor der gesamten Bevölkerung rechtfertigen.
Matthias Strolz
Ja, Politik hat durchaus etwas Spirituelles. Weil sie über die Grenzen des Individuums hinausweist. Auch weil sie über Leben mitentscheidet. Als Politiker bin ich nur ein Teil eines Systems. Wenn ich morgen sterbe, dann bin ich tot und die Welt dreht sich dennoch weiter. Gleichzeitig ist die Verantwortung immer personal. Ich kann dem nachspüren, was du da spürst, ich habe immer gesagt, dass Politik eine spirituelle Dimension für mich hat, auch wenn ich dafür mancherorts belächelt werde. Warum eine spirituelle Dimension? Weil sie dem Gemeinsamen verpflichtet ist. Immer dann, wenn unser Handeln über das Persönliche hinaus ins Kollektive geht, übertreten wir eine unsichtbare Grenze. Genau dieses Handeln ragt etwas über Raum und Zeit hinaus, es hat etwas Transzendentes. Das Miteinander der Menschen werden wir nie voll erfassen können. Und die Politik ist dem Miteinander verpflichtet; also werden wir die Politik nie voll und ganz erfassen können. Ich bin zum Beispiel mit meiner Frau zehn Jahre lang verheiratet und dann gibt es manchmal den Tag, wo ich mir denke: «Wos woar jetzt des?«. Jetzt kenne ich die Person schon so lange, aber sie bleibt weiterhin ein stückweit Mysterium. Und ehrlich gesagt, auch der Kerl, der mich morgens im Spiegel anschaut, ist mir manchmal kurz fremd. Du entdeckst immer wieder etwas Neues auf der Reise zu dir selbst. Ein geglücktes Leben ist die Reise zu dir selbst, Schritt für Schritt dem eigenen Wesenskern näherzukommen. Das ist auch eine mystische Reise.
Muamer Becirovic
Herr Strolz, ehrlich gesagt wundern mich Ihre Ausführungen etwas. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas von einem Liberalen kommt. Ich hätte doch angenommen, dass diese Sätze eher von einem Konservativen stammen.
Matthias Strolz
Wir NEOS sind eine wertebasierte BügerInnenbewegung und wir haben fünf Kernwerte; Freiheitsliebe, Eigenverantwortung, Nachhaltigkeit, Authentizität und Wertschätzung. Natürlich ist das eine Bewegung mit einer liberalen Grundhaltung, ich nehme das Etikett »liberal« gerne an. Ich selbst bin ein Mensch mit einer liberalen Haltung. Ich bin aber auch geprägt von einem christlich-sozialen Weltbild, in dem die Personalität im Mittelpunkt steht. Sowohl die liberale Haltung als auch die christlich-soziale Haltung gehen vom einzelnen Individuum aus, deshalb passen sie auch zusammen. Insofern ist das für mich kein Widerspruch.
Muamer Becirovic
Was sind Sie dann, Herr Strolz? Ein Neoliberaler, ein Christdemokrat, ein Rechter, ein Linker, was sind Sie?
Matthias Strolz
Wir NEOS haben uns im ersten Jahr dagegen verwehrt, dass wir uns ein Etikett des 20. Jahrhunderts draufpicken.
Muamer Becirovic
Wir werden immer Kategorisierungen brauchen, das ist Ihnen hoffentlich klar. Schublade auf, Strolz rein, das muss so sein.
Matthias Strolz
Ja, das habe ich bemerkt, als der Herr Armin Wolf getwittert hat, dass NEOS eine »Café Latte«-Partei sei. Danach habe ich gesagt, dass ich wohl lieber das Etikett »liberal« annehme. Nach der Hochzeit mit dem Liberalen Forum war es klar, dass wir die Liberalen sind und das trage ich auch mit Stolz nach außen. Ich wollte ursprünglich nicht eine Etikette des 20. Jahrhunderts. Warum? Unter dem Banner dieser Etiketten haben wir hundert Millionen Menschen umgebracht. Das 21. Jahrhundert braucht dieses Wiederauftoben der Ideologien nicht. Das wollte ich – zumindest für uns – verhindern. Das findet offensichtlich eh ohne uns statt. Aber die polit-mediale  Organisationskultur ist so mächtig, dass ich die Spielregeln als kleiner Parteigründer nicht ändern kann. Die Sehnsucht nach der Zuschreibung war so groß, dass es hieß, entweder du definierst dich selbst, oder du wirst definiert. Am Anfang habe ich in den Interviews gesagt, dass wir die erste systemische Partei sind. Danach habe ich eine Zeit lang ausgeführt, dass wir eine postmoderne Bewegung sind, oder etwa eine systemisch integrale Bewegung. Nur das versteht keine Sau. Man hat uns gefragt: «Integrale? Seid ihr Mathematiker, oder was?«. Dann habe ich auf alles gepfiffen und gesagt, dass wir eine liberale Bürgerbewegung sind, das verstehen die Leute.
Muamer Becirovic
Liberal ist in Österreich noch nie gelaufen, wieso also der Name?
Matthias Strolz
Ja, manche Mitbewerber denken, dass sie uns schaden, wenn sie uns in die »liberale Ecke« drängen. Das Wort »neoliberal« zum Beispiel ist ein Schimpfwort.
Muamer Becirovic
Genau darauf wollte ich hinaus. Von liberal zu neoliberal braucht es nicht lange. Ein falscher Sager und Sie werden das Etikett »neoliberal« nicht mehr los. Das beste Beispiel hierfür ist Ihre EU-Abgeordnete Mlinar, die im ORF gesagt hat, dass sie das heimische Wasser privatisieren wolle. Ab dann war’s das wohl.
Matthias Strolz
Das Wasser selbst ist uns heilig. Das ist ein Menschenrecht. Es ging immer nur um die Frage der Wasserversorgung und wie wir diese für die Bürgerinnen und Bürger effizient und fair organisieren. Da gibt es in Österreich ja gemischte Modelle. Da müssen wir nichts neu erfinden, aber stets gut draufschauen. Wir NEOS halten in den Umfragen bei sieben Prozent. Es gibt keine Partei in Österreich die relativ gemessen in eineinhalb Jahren einen größeren Zuwachs verzeichnen konnte als wir. Dass wir dazwischen euphorisch durch die Decke geschossen sind und einmal ins Wellental der Tränen abgestiegen sind, das ist so. Ich kann unterm Strich sagen, dass es gut läuft. Ich habe keine dogmatisch-liberale Mission. Wenn die Leute sich nach Etiketten sehnen, dann lass uns sagen, dass wir eine liberale BürgerInnenbewegung sind, die auf dem Weg ist, Österreich zu erneuern.
Muamer Becirovic
Kommen wir wieder zurück zu den Politikern. Konrad Adenauer, dem ersten deutschen Bundeskanzler, war es das größte Anliegen, die christliche Arbeiterbewegung zu etablieren und mit dem christlichen Bürgertum zu verbinden. Das hat er auch geschafft. Natürlich war sein Motiv auch Kanzler zu werden, aber das vorrangige Motiv war, die zwei Establishments zu verbinden. Sind Politiker karrieregeiler als früher? Wenn ich mich selbst ansehe, Herr Strolz, dann bin ich selbst durch Zufall in die Politik geraten. Das Interesse war immer vorhanden, aber der entscheidende Schritt, sich aktiv zu engagieren, war zufällig.
Matthias Strolz
Fakt ist, dass wir uns heute mehr um Karriere kümmern müssen. Unsere Großväter haben in ihrem Leben zwei Anstellungen gehabt oder waren selbstständige Bauern. Das hat sich heute geändert. Wir werden alle drei bis fünf Jahre wechseln und müssen darum kämpfen, uns finanziell über Wasser zu halten. Ich glaube, dass einfach viel zu sehr unterschätzt wird, wie viele Menschen mit wirklich idealistischen Motiven in die Politik gegangen sind. Wenn du drinnen bist, gibt es natürlich Karriereoptionen. Und ja, manche sehen diese Karriereoption schon, bevor sie drinnen sind. Aber das will ich ja auch nicht per se schlecht machen. Auch die Buchhalterin sieht Karriereoptionen, wenn sie auf ihre Interessen und Tätigkeiten schaut. Auch der Tischler, der Pfarrer und die Kellnerin.
Matthias Strolz

© Dersim Cakmak

Muamer Becirovic
Wie weit bin ich als Politiker karriereorientiert und wie weit mache ich das aus dem Ideal?
Matthias Strolz
Wir müssen akzeptieren, dass Karriere nicht böse ist. Wir NEOS haben eine Aufbauphase von zwei auf 13.000 Menschen hinter uns. Wir bauen nun Bezirks- und Landesorganisationen auf. Da kommen viele Kandidaten zustande, und sie alle müssen sich die Frage stellen: Mache ich das nur aus Karrieregründen, oder aus einer Wertehaltung heraus? Oder ist es eine Mischmotivation aus verschiedenen Aspekten? Der puristische Idealismus wohnt mitunter ja auch nahe am blinden Eifer. Jedenfalls muss sich jeder und jede überlegen, was berufsbiografisch passieren wird, wenn ich in die Politik gehe. Für mich waren immense Risiken damit verbunden. Am Tag vor der Wahl war meine Bankomatkarte gesperrt, weil ich alle Puffer und Privatkredite – die Banken hatten mir wohl auch durch politische Intervention schon den Saft abgedreht – aufgebraucht hatte. Zum Glück ist es ausgegangen wie es ausgegangen ist und ich konnte danach meinen Überzugsrahmen aufstocken. Es hätte auch alles anders ausgehen können. Ich erlebe bei uns unglaublich viel Idealismus. Die Leute haben sowohl ihr eigenes Geld als auch viel Risiko auf sich genommen. Wir haben bisher über eine Million ehrenamtliche Stunden in unsere Programmentwicklung investiert. Wir haben derzeit 120 Themengruppen mit über 1.000 Menschen, die ehrenamtlich und inhaltlich hineinarbeiten. Das kann ich echt nicht auf eine Karriereüberlegung hinbringen. Es gibt diesen Idealismus bei vielen Mitgliedern in allen Parteien. Es ist aber nie ein entweder oder, sondern vielmehr ein sowohl als auch.
Muamer Becirovic
Wie weit spielt Moral eine Rolle?
Matthias Strolz
Wenn du als Politiker nicht von einem inneren Ort gelenkt bist, wenn du den Maßstab nicht in dir selbst trägst, dann bist du den Verführungen, die in der Politik wirklich zahlreich sind, hilflos ausgeliefert. Du musst dich immer wieder fragen, ob du das, was du gerade tust, für richtig hältst.
Muamer Becirovic
Stichwort Idealismus: Der deutsche Sozialdemokrat Gerhard Schröder fuhr regelrecht über seine ganze Partei drüber, weil er überzeugt von seiner Reformidee war. So etwas sehe ich Österreich nicht: Politiker, die etwas für eine höhere Sache aufgeben. Mir scheint, dass viele Politiker an ihrem Amt hängen wie ein Junkie an seiner Nadel.
Matthias Strolz
Absolut, Politik ist eine Droge, besonders die österreichische. Wir sind der Begleiter eines Sterbeprozesses. Das rot-schwarze Machtkartell hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg alles fein säuberlich aufgeteilt. Sie machten das wahrscheinlich zu Beginn durchaus mit dem moralischen Grundgedanken, dass es dem Land dabei gut gehen soll. 1975 war gemäß Wahlergebnis über 93 Prozent der Macht in diesen beiden Parteien gespeichert. Genau dieses Muster, die Annahme, dass ihnen zusammen das Land gehört, konnten sie nie verlassen, haben aber heute zusammen nur noch 50 Prozent. Wir erleben aktuell die letzte Ausfahrt des rot-schwarzen Machtkartells. Das wissen sie glaube ich sogar selbst – also intellektuell; emotional ist das noch nicht gesickert. Das können sie gar nicht zulassen.
Muamer Becirovic
Wieso haben es die Deutschen geschafft, aber wir nicht?
Matthias Strolz
Sie erwähnen hier nur Einzelpersonen. Der Finanzminister Schelling überrennt derzeit auch einige, und ich hoffe, er überrennt auch einige Landesfürsten. In Deutschland liegt auch das alte Steuerungsmuster nicht im Sterben, sondern hier in Österreich. Das Alte liegt im Sterben, das Neue ist noch nicht ganz da. Wir sind momentan in einer Übergangsphase, die uns alle ziemlich verwirrt. Wir kommen in eine Phase der Instabilität. Wenn diese zwei Großparteien unter die 50 Prozent-Marke fallen, dann wird ein großes Vakuum entstehen, das wir NEOS sicherlich nicht alleine füllen können. Ich wünsche der SPÖ und der ÖVP alles Gute für die Erneuerung, ohne eine dieser beiden Parteien kann man sich Österreich gar nicht denken, also muss sich wohl einer der beiden »großen Dinos« erneuern. Man kann nicht über Nacht ein siebzigjähriges Muster entsorgen. Es stirbt – langsam, aber doch. Und ein neues Muster wird geboren. Man darf gespannt sein.
Muamer Becirovic
Da kann man doch eindeutig sagen, dass Sie ein Neoliberaler sind. Die Sozialpartnerschaft ist doch etwas, was Österreich essentiell ausmacht.
Matthias Strolz
Ausgemacht hat. Das wird in dieser Form ein Ende haben. Ich möchte eine starke Sozialpartnerschaft, aber sie muss in der heutigen Zeit ankommen. Wir brauchen keine Kammern, die sich über Zwangsmitgliedschaften finanzieren und Klassenkampf spielen. Wir sind mündige Bürgerinnen und Bürger. Das führt mich direkt zum Bildungsthema. Wer mündige Menschen will, braucht mündige Schulen. Wir haben jetzt 100 Jahre lang einen Klassenkampf über die Gesamtschule geführt. Die einen sagen, dass die Gesamtschule der Stein der Weisen wäre und die andere Seite sagt, dass die Gesamtschule Teufelszeug sei und dann schauen sich beide Seiten an und sagen »Uh, unentschieden. Dann kann man da nichts machen!«Die Schülerinnen und Schüler bleiben dabei auf der Strecke, zumindest allzu viele von ihnen. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Kind und das kommt nicht zur Entfaltung seiner Talente, nur weil die zwei Parteien beide nach dem Patentrezept gesucht haben. Sie haben sich auf eine Frage konzentriert und konnten diese 100 Jahre nicht entscheiden. Dabei hätte es hundert andere dringliche Fragen gegeben, die genauso anstehen. Die sprachliche Frühförderung beispielsweise haben wir um mindestens drei Jahrzehnte zu späte entdeckt.
Matthias Strolz

© Dersim Cakmak

Muamer Becirovic
Hat das denn niemanden interessiert?
Matthias Strolz
Das hat keine Sau interessiert. Auch die Volkschule hat niemanden interessiert. Wenn ein Fünftel der Jugendlichen mit 15 nicht lesen können, dann konnten sie es mit zehn auch nicht. Aber wir diskutieren nur über die Mittelschule, Hauptschule oder Gesamtschule. Das sind so lineare, dumpfe Politikverständnisse, dass ich einen Krampf im Fuß krieg. Wir brauchen ein viel differenzierteres Politikverständnis. Ein systemisches. Aber bei dem Punkt waren wir glaub ich schon.

Matthias Strolz (40) ist Vorsitzender und Gründer der NEOS, ehemaliger Unternehmer, Politikberater und parlamentarischer Mitarbeiter im ÖVP-Klub.

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