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Gespräch N° 10 | Kabinett

Elisabeth Köstinger

„Das ist ein Wettbewerb, auf den sich Europa nicht einlassen darf”

Elisabeth Köstinger, Abgeordnete zum Europäischen Parlament, sprach mit uns über Antiamerikanismus, Preisabsprachen und grüne Wiesen. Außerdem ist sie der Meinung, dass Frauen besser überzeugen können als Männer.
Lesezeit: 8 Minuten
Das Gespräch führte Muamer Becirovic und erschien am 01.03.2016, fotografiert hat Raphael Moser.
Muamer Becirovic
Was in Gottes Namen sollen die drei Millionen Euro an Agrarförderung an die Firma »Genuss Regionen Marketing GmbH«, oder die 2,3 Millionen Euro an die »Agrarmarkt Austria Marketing GmbH«? Sie unterstützen doch hiermit nicht die reale Landwirtschaft, sondern Marketing-Agenturen. Ich persönlich habe mir gedacht, dass Agrarförderungen Kleinbauern oder dergleichen zu Gute kommen, doch keinen Marketing-Unternehmen.
Elisabeth Köstinger
Das gesamte Feld ist etwas breiter gestreut und nicht allein auf die einzelnen landwirtschaftlichen Betriebe fokussiert. Die Firma »Rauch« war zum Beispiel in der Kritik, dass sie Ausgleichszahlungen bekommt, weil sie österreichischen Zucker verwendet. Dazu muss man aber wissen, dass die EU damals den Unterschied zum Weltmarktzuckerpreis gezahlt hat, weil die Firma sich ja von überall auf der Welt ihren Zucker zu massiv günstigeren Preisen holen kann. Damit die heimische Zuckerproduktion aber überhaupt weiterbestehen konnte, wurde zwischenzeitlich der Ausgleich zum weltweit sehr niedrigen Zuckerpreis bezahlt. Das Ganze hat sich aber im vergangenen Jahr massiv gedreht, denn heute ist der europäische Zucker aufgrund von marktwirtschaftlichen Geschehnissen billiger als der Weltmarktzucker. Diese Zahlungen gehören heute der Vergangenheit an.
Muamer Becirovic
Warum in Gottes Namen sitzen nun zwei Marketing-Unternehmen in der Top-Ten-Liste der Agrarförderungen?
Elisabeth Köstinger
Die Kritik ist absolut berechtigt. Obwohl nicht das ganze Geld in den Agrarbereich fließt, wird es unter »Agrargelder« verbucht. Es wird permanent davon gesprochen, dass Bauern immense Summen zukommen, aber das stimmt einfach nicht. Ein Beispiel dafür ist der Breitbandförderungsausbau, der auch mit Agrarfördergeldern unterstützt wird. Es ist völlig berechtigt, dass der ländliche Teil Österreichs einen Breitbandausbau bekommt. Nur wird es so dargestellt, als würden ganze Millionen aus dem Agrartopf dorthin fließen, wo sie gewissen Unternehmen zu Gute kommen. Man schaut nicht, was mit dem Geld eigentlich passiert. Was das Unternehmen »Genuss Regionen Marketing« angeht: Die Landwirte könnten niemals mit einem Budget eines großen Lebensmittelbetriebs konkurrieren. Mit diesem Geld gibt man den Landwirten die Möglichkeit, sich zusammenzuschließen und ihre Produkte selbst zu vermarkten.
Muamer Becirovic
Eine Frage zum Freihandelsabkommen TTIP: Ich habe ja nicht die Befürchtung, dass wir bald mit Chlorhühnern überflutet werden, jedoch werden politische Stimmen lauter, die sagen, dass die amerikanische Lebensmittelproduktion um einiges billiger wäre als unsere, und unser Markt daher einen viel höheren Konkurrenzdruck hätte. Wenn ich Landwirtschaftsminister wäre, dann würde mir das schlaflose Nächte bereiten, wenn ich ehrlich bin.
Elisabeth Köstinger
Das ist eine reale Befürchtung, die ich auch teile. Daher stellen wir auch klare Forderungen an die Kommission. Genau dieses Preisdumping, das auf Kosten der Natur, der sozialen Standards und der Umweltstandards passiert, ist ein Wettbewerb, auf den sich Europa nicht einlassen darf. Das steht komplett außer Frage, da haben wir eine klare und deutliche Position. Das europäische Parlament hat im Juni dazu eine Resolution verabschiedet, in die genau diese Punkte aufgenommen wurden. Auch, was das Vorsorgeprinzip in Europa angeht, und, dass wir da eine ganz andere Denkweise als die Amerikaner haben, die mit einem risikobasierten Ansatz arbeiten. Diese Forderungen werden die Messlatte für die endgültige Abstimmung werden. Wenn die Verhandler der Europäischen Kommission nicht entsprechende Lösungen vorlegen können, dann müssen sie mit einem Nein zu TTIP rechnen. Wir sind ständig am Arbeiten und im Dialog, man muss jedoch der Wahrheit halber sagen, dass man mit dem Antiamerikanismus mittlerweile sehr gut Politik machen kann, was die Berichterstattung um TTIP angeht.
Elisabeth Köstinger

© Raphael Moser

Muamer Becirovic
Ist der freie Markt eigentlich der Landwirtschaft gegenüber negativ gesinnt?
Elisabeth Köstinger
Absolut, daher dürfen wir die Landwirtschaft dem freien Markt nicht überlassen, weil es ein wirklich sehr sensibler Bereich ist. Wir dürfen bäuerliche Betriebe nicht mit Industriebetrieben vergleichen. Oft hört man, dass die bäuerlichen Betriebe sich dem Wettbewerb anpassen sollen. Wenn man jedoch in und mit der Natur arbeitet, gibt es so viele Faktoren, die unkalkulierbar sind, ganz abgesehen von politischen und marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Muamer Becirovic
Machen Ihnen eigentlich die Monopolstellungen im landwirtschaftlichen Bereich von einigen Konzernen keine Sorgen? Wenn beispielweise in Deutschland fünf Konzerne mit 50% der erzeugten Milch handeln, dann läuft doch gehörig was schief, was die Wettbewerbsmöglichkeit angeht.
Elisabeth Köstinger
Da gibt es klare Regelungen im Wettbewerbsrecht. Was uns Probleme bereitet, ist eigentlich der Handel. Wir haben eine unfassbare Konzentration an Handelsketten in Europa. Das sind insgesamt nur 13 (!) für 500 Millionen Menschen. Das ist ja gar nichts. In Österreich sehen wir das auch, da teilen sich drei große Handelsketten den Markt auf. Da bleibt nicht mehr viel Verhandlungsspielraum, weil die sich das Ganze mehr oder weniger untereinander ausmachen. Das erleben wir ganz stark. Der Handel drückt die Preisspirale massiv nach unten.
Muamer Becirovic
Wie sieht denn Ihr Lösungsansatz dazu aus? Wollen Sie den Handelsketten ein paar »Watschen« verteilen?
Elisabeth Köstinger
Da gehört einfach mehr Ehrlichkeit rein. Der Handel macht mit Österreich unglaublich gern Werbung, zum Beispiel mit der bäuerlichen Landwirtschaft im Berggebiet. Eine Handelskette, die zeigt, wie eine Kuh mit einer Glocke über die grünen Wiesen stolziert und Wanderer daneben jausnen. Da werden Bilder lukriert, die mit der realen Landwirtschaft manchmal sehr wenig zu tun haben. Wir haben Almbewirtschaftung, und das ist wichtig. Die Betriebe, die Österreich ernähren, sind moderne landwirtschaftliche Betriebe, die hochtechnologisiert im 21. Jahrhundert Lebensmittel produzieren. Die Schere zwischen Werbung und Realität geht also sehr stark auseinander. Zudem sind die Anforderungen an die Produkte seitens der Konsumenten sehr hoch. In Österreich muss alles regional, bio und gentechnikfrei sein, darf aber im Gegenzug nichts kosten. Das geht sich doch nicht aus. Die österreichische Landwirtschaft kann jeden Tierschutzstandard erfüllen und alles bio produzieren, nur muss das auch jemand zahlen. Ich glaube, dass die Wenigsten wissen, wie viel Macht sie eigentlich vor dem Regal haben, wenn sie Lebensmittel einkaufen. Billig gibt es in der Landwirtschaft nicht, einer zahlt immer. Das trifft dann meistens den Landwirten.
Muamer Becirovic
Ein Gedankenspiel: Wenn ich einer dieser drei Handelskettenchefs wäre, dann würde ich mit den anderen zwei auf einen Kaffee gehen und über Preisabsprachen diskutieren. Ich zweifle nicht daran, dass es so etwas in hohem Maße stattfindet.
Elisabeth Köstinger
Solche Fälle kommen oft vor Gericht. Nur zahlen solche Unternehmen diese Strafen aus der Portokasse. Da haben wir meiner Meinung nach große Lücken. Beim Erzeuger, also den Landwirten, hat man ein sehr genaues Auge darauf, dass es ja kein Schlupfloch gibt und alles rein und sauber ist. Da muss man sich manchmal wirklich die Frage stellen, ob das noch im Verhältnis steht. Hingegen finde ich das Strafmaß bei Preisabsprachen viel zu locker.
Elisabeth Köstinger

© Raphael Moser

Muamer Becirovic
Erklären Sie mir bitte, wie um alles in der Welt will man im Jahr 2050 rund 9 Milliarden Menschen ernähren? Unser Fleischkonsum wird sich verdoppeln, der Getreidekonsum wird sich um 75 Prozent erhöhen. Hat die EU eigentlich einen Zukunftsplan für solche Entwicklungen?
Elisabeth Köstinger
Europa werden wir ernähren können. Die Produktion kann noch weiter steigen. Den Schwellen- und Entwicklungsländern stellen wir hingegen unser Know-How zur Verfügung, damit die Ernährung der Bevölkerung auch klappt. Wir als Europa könnten die Welt ernähren, aber die Welt sollte sich selbst ernähren. Wir denken uns oft, dass jeder Bauer sein kann, aber das ist falsch. Da gehören sehr sehr viel Know-How und Hausverstand dazu. Das Ganze hat auch sehr viel mit Technologie, mit Wissen und dem Abschätzen, wie sich die Natur entwickelt, zu tun. Dieses Know-How können wir viel stärker exportieren.
Muamer Becirovic
Jetzt interessiert mich, wie die Lage in den Dürreperioden aussieht. Wie sehr macht das der Landwirtschaft eigentlich zu schaffen?
Elisabeth Köstinger
Sehr. Aber wir bereiten im Bereich der Pflanzenzüchtung Maßnahmen vor. Saatguthersteller forschen jetzt schon, wie das Klima in zehn Jahren sein wird und passen ihr Saatgut bereits an, um resistenter gegen Hitze zu sein.
Muamer Becirovic
Wirklich? So weit plant man?
Elisabeth Köstinger
Ja, und das ganze ohne Gentechnik. Eine ganz normale, konventionelle, pflanzliche Züchtung. Die Natur passt sich an. In der Züchtung beschleunigt man den Prozess. Wir machen da schon sehr viel. Wir müssen aber auch die Verursacher des Klimawandels in den Zaum bekommen. In Europa machen wir da sehr viel und setzten stark auf neue, grüne Wirtschaftskonzepte. Die Holzwirtschaft ist so ein Vorzeigebeispiel für “Green Economy”, die das Klima schützt und gleichzeitig die ländliche Wirtschaft fördert.
Muamer Becirovic
Ich erlaube mir einen kleinen Themenwechsel: »Als Frau wird man aber anders wahrgenommen, daher muss man mindestens dreimal so viel wissen und tun wie ein Mann.« Das haben Sie mal zum Standard gesagt. Sehen Sie das heute immer noch so?
Elisabeth Köstinger
Ja. Ich glaube, dass Frauen anders bewertet werden als Männer. Wenn eine Frau lauter wird, wird sie gleich als hysterisch bewertet. Ein lauter Mann hingegen ist dann jemand, der auf den Tisch haut. Das wird positiv wahrgenommen. Die Wahrnehmung zwischen Männern und Frauen ist sehr unterschiedlich. Ich traue mich zu behaupten, dass ich mir mein Standing sehr, sehr hart erarbeitet habe. Frauen sind in Chefposten selten zu finden.
Muamer Becirovic
Kann ja sein, dass viele Frauen lieber eine Familie gründen und nicht nur nach Karriere trachten.
Elisabeth Köstinger
Das kann stimmen. Dennoch wird man als Frau in der Berufswelt anders wahrgenommen als ein Mann. Frauen müssen weitaus mehr tun und sich inhaltlich bewähren, als das bei Männern der Fall ist, um wahrgenommen zu werden.
Muamer Becirovic
Da stimme ich Ihnen zu. Eine andere Frage: Haben Frauen mehr Verantwortung als Männer? Der erste bosnische Präsident hat einmal gesagt, dass die Hälfte einer Nation Frauen ausmachen.
Elisabeth Köstinger
Frauen haben Österreich maßgeblich mitaufgebaut. Ja, die Frau hat mehr Verantwortung in der Familie, ganz klar. Frauen sind da einfach weniger sichtbar. Was die Frau neben ihrem Job tut – kochen, putzen, sich um die Kinder kümmern – wird nicht so wertig wahrgenommen, wie es eigentlich ist. Ich bin auch davon überzeugt, dass Männer das auch könnten. Eine fairere Verteilung der Hausaufgaben würde beiden Seiten gut tun.
Muamer Becirovic
Jetzt mal ehrlich, wenn die Kinder nach Hause kommen, dann fragen sie nicht nach dem Vater, sondern nach der Mama.
Elisabeth Köstinger
(lacht) Erzählen Sie von Ihrem eigenen Leben?
Muamer Becirovic
Durchaus. Aber Kinder sind dennoch generell »Mama-fixiert«, finden Sie nicht?
Elisabeth Köstinger
Ja, das finde ich auch nicht schlecht. Ich halte es für ein Geschenk, eine Frau zu sein. Ich würde nicht tauschen. Das Privileg, Kinder bekommen zu können, finde ich super. Ich halte es dennoch für wichtig, dass man die Männer mehr einbezieht, und dass sie mehr Verantwortung übernehmen.
Muamer Becirovic
In meinem Vaterland sagt man, dass das Paradies unter den Füßen der Mutter und nicht unter denen des Vaters ist.
Elisabeth Köstinger
Die Autorität der Mutter ist eine ganz besondere. Sehr viele Mütter verzichten auf vieles, damit ihre Kinder es besser haben. Was sich daraus gibt, ist, dass die Frauen die Chefs im Haus sind.
Elisabeth Köstinger

© Raphael Moser

Muamer Becirovic
(lacht) Sie sagen das so frei heraus. Das hört man echt selten.
Elisabeth Köstinger
Man kann das so nicht verallgemeinern. Das »Chefsein« entsteht aus der Rolle des Kümmerns. Wir zwei sind uns schon einmal einig, dass die Frauen die Chefs zu Hause sind.
Muamer Becirovic
(lacht) Stimme dem absolut zu. Und können Frauen mit Macht besser umgehen als Männer? Diesen Eindruck habe nicht nur ich, den hatten auch sehr große Philosophen und Wissenschaftler der Geschichte.
Elisabeth Köstinger
Wenn man Macht von »Machen« ableitet, dann machen Frauen das anders als Männer. Frauen entscheiden anders.
Muamer Becirovic
Können Frauen einen nicht einfacher in ihren Bann ziehen? Sie sind hübscher, charmanter, sensibler.
Elisabeth Köstinger
Ich glaube, dass Frauen genauso Härte an den Tag legen können, wie Männer charmant sein können. Ein Sebastian Kurz kann unglaublich charmant sein, und sympathisch.
Muamer Becirovic
Dann werde ich einmal konkreter: Können Frauen besser überzeugen als Männer?
Elisabeth Köstinger
Absolut. Frauen können auch vehementer insistieren.
Muamer Becirovic
Jetzt bin ich vom Nachdenken selbst verwirrt. Eins möchte ich noch sagen, und zwar gab es von John F. Kennedys Vater ein nettes Zitat über seine Frau: «Ich bewundere die Frau, aber ich verstehe sie nicht«.
Elisabeth Köstinger
(lacht) Das umschreibt die Situation in Familien glaube ich auch.

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